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e-Governance: Staat und Digitalisierung dürfen nicht auseinanderdriften

netzpolitik.org - 14 Mai, 2019 - 11:16
Peter Parycek bei seinem Vortag zu "(un)regierbarer digitaler Staat?" auf der re:publica. CC-BY-SA 2.0 re:publica

Wie können wir demokratische Rechtsstaaten so bauen, dass sie zukunftsfähig sind? Zuallererst müssen sie endlich im digitalen Zeitalter ankommen und ihre Organisationsstrukturen umbauen, meint Peter Parycek, Experte für e-Governance, bei seinem Vortrag auf der re:publica. Genauso wichtig sei es, dass digitale Lösungen in Organisation und Verwaltung transparent und nachvollziehbar bleiben.

Parycek, der den Think Tank „Öffentliche IT“ am Fraunhofer FOKUS leitet, sieht die Gefahr, dass der Staat mit der Digitalisierung nicht Schritt halten kann. Auf lange Sicht könnte er so seine Steuerungsfähigkeit und damit ein Stück weit seine Legitimation einbüßen. Deswegen müsse die digitale Logik endlich in Verwaltung und Politik Einzug halten. Denn tatsächlich ist die digitale Verwaltung in Deutschland im europäischen Vergleich weit abgehängt.

Neue Verwaltungskultur

Bei den Fragen, wie auch die deutsche Verwaltung im digitalen Zeitalter ankommen kann, müsse man neue Wege gehen. In deutschen Behörden arbeiten fast ausschließlich Jurist:innen, doch allein mit Menschen aus einem Fachbereich ist man den heutigen Anforderungen an eine moderne Verwaltung kaum gewachsen. Deswegen plädiert Parycek für eine neue Kultur, in der interdisziplinäre Teams mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters umgehen könnten.

Genauso müssten bereits im Gesetzgebungsverfahren neue Wege beschritten werden und Informatiker:innen verstärkt in den Gesetzgebungsprozess miteinbezogen werden. Denn digitaler Staat ginge nur, wenn Gesetz und Code gemeinsam beschlossen würden. In allen anderen Fällen würden Staat und Digitalisierung weiter auseinander driften.

„Law is Code“

Parycek nennt diese Formel „Law is Code“. Doch bisher fehle die technische Expertise im Gesetzgebungsverfahren, damit neue Gesetze und Digitalisierung Hand in Hand gehen können. Der Code kommt, wenn er denn kommt, nach dem Gesetz und außerhalb davon.

Er fordert, dass neben dem gängigen Gesetzestext und den üblichen Erläuterungen auch Programmzeilen, die e-Governance ermöglichen sollen, bereits im Gesetzgebungsverfahren diskutiert und beschlossen werden. Nur so könnten Verwaltung und Digitalisierung aufeinander abgestimmt und transparent ermöglicht werden.

Zentrales Problem: Föderalismus

Neben Veränderungen in der Verwaltungskultur, die Zeit benötigen, sieht Parycek das zentrale Problem auf dem Weg in die digitale Verwaltung in der föderalen Gliederung der Zuständigkeit in Bund, Länder und Kommunen.

Besonders im digitalen Zeitalter sei es schwer, Abläufe und Services zu digitalisieren, wenn Daten und Akten dezentral in den Ämtern der gesamten Bundesrepublik verteilt sind. Solche Organisationsstrukturen gehörten eigentlich einer längst vergangenen Zeit an. So beschreibt es Parycek, der Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung ist, in seinem Vortrag.

Der deutsche Verwaltungsaufbau komme ursprünglich aus Zeiten, in denen das Pferd noch Hauptfortbewegungsmittel war. Die Grenzen der Landkreise seien so gezogen worden, das alles innerhalb eines Tagesritts erreichbar war. Ein solch kleingliedriges dezentrales System war notwendig, um einen Staat damals überhaupt regier- und verwaltbar zu machen.

Deutsche Liebe zum Papier

Damit einher geht die Liebe zum Papier. Ummelden könne man sich in Deutschland nur mit Amtsgängen und persönlicher Unterschrift. Hinzu kommt – und so verbinden sich Föderalismus und Papierliebe -, dass solche Verwaltungsakte dezentral erfolgen: Die „Wahrheit“ über eine Person, wenn man so möchte, ist nur dezentral in verstreuten Amtsstuben zu finden.

Was mit den vielen Verweisen Paryceks auf die Probleme des dezentralen Föderalismus für die moderne Verwaltung mitschwingt, scheint die Forderung nach einer Zentralisierung der Verwaltung zu sein. Etwa mit zentralen staatlichen Registern, in denen alles zu einer Person gespeichert wäre. Doch tatsächlich sieht der Verwaltungswissenschaftler die Antwort nicht in einem einzigen zentralisierten Register – auch wenn es für die Implementation einer digitalen Verwaltung schwierig ist, wenn Daten dezentral bei den verschiedensten Behörden gespeichert sind und nur dort verifiziert vorliegen.

Bürger:innen lenken Daten

Paryceks Vorschlag: Für die Kommunikation zwischen Bürger:innen, Verwaltung und Unternehmen müssten die Daten vielmehr bei der Bürgerin selbst gespeichert sein. Sie allein verwaltet diese und gewährt Behörden und Unternehmen den Zugriff in bestimmten Fällen, etwa bei der Ummeldung der Wohnung. Damit sei der gleiche Effekt erreicht wie bei einem zentralen behördlichen Register, jedoch liegt die Datenhoheit bei der Bürgerin.

Alles in allem, so betont Parycek, komme es darauf an, dass Digitalisierung und Staat nicht auseinander drifteten. Nur so könne die Handlungsfähigkeit des Staates im Zeitalter der Digitalisierung aufrecht erhalten werden.

Dass er dabei die Notwendigkeit eines digitalen Staates betont, ist richtig. Genauso, dass er auch Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der Implementation dieser voraussetzt – ansonsten sei demokratische Governance nicht möglich.

Eine klassische Forderung im digitalen Gewand

Paryceks Vortrag klingt grundsätzlich so, als könnten Digitalisierung, Verwaltung und demokratische Legitimation ganz einfach miteinander vereint werden.

Bei genauem Hinhören wird aber deutlich, dass sein Konzept gängigen Forderungen nach effizienteren Strukturen für eine gesteigerte staatliche Handlungsfähigkeit entspricht. Hier wird die Rechtfertigung staatlichen Handelns über Effizienz erreicht und weniger darüber, wie es rechtsstaatlich adäquat gegenüber den Bürger:innen mit Kontrollmechanismen legitimiert werden kann.

Dies hat seinen Ursprung in der klassischen Diskussion um die Probleme des kooperativen Föderalismus und positioniert sich auf Seite der Zentralisierung – für mehr Handlungsfähigkeit des Bundes gegenüber den Ländern. Damit bekommt seine Analyse einen Hauch der bekannten Aussage, dass der Föderalismus Hindernis auf dem Weg zu gesteigerter Handlungsfähigkeit sei. Die Kontrollmechanismen, die nur ein Föderalismus gewährleistet, könnten dabei übersehen werden.

Dass Parycek dies durch möglichst transparente Strukturen ausgleichen möchte und den Bürger:innen die Kontrolle über ihre Daten geben möchte, scheint hier ein wichtiges Gegengewicht. Doch es bleibt abzuwarten, wie dies im weiteren Verlauf diskutiert wird und welche Form des digitalen Staates am Ende des Prozesses steht. Denn viele der Gesetze zu einer digitalen Verwaltung sind bereits gemacht – nur an ihrer Umsetzung fehlt es noch. Der Handlungsspielraum für eine transparente digitale Verwaltung bleibt damit klein.

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Was vom Tage übrig blieb: Spam-Hackback, Assange-Throwback und Terror-Tackle

netzpolitik.org - 13 Mai, 2019 - 18:02
Ein Sonnenstrahl hier, ein Wölkchen da, ups, es regnet, aber gleich nicht mehr.

Kfz-Kennzeichen-Scanning: Bayern und Brandenburg speichern Fahrer auf Vorrat (heise online)
Die Piratenpartei berichtet von ihr zugespielten Informationen, nach denen die bayerische Polizei Daten über Autofahrer:innen anlasslos erhoben und auf Vorrat gespeichert haben soll. Eigentlich ist ein solches Vorgehen nur in Ausnahmefällen erlaubt, da es gegen das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung verstößt. Zudem hatten die Behörden eigentlich zugesagt, keine Kennzeichen auf Vorrat zu speichern.

Das Amt und meine Daten (Die Zeit)
Was die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung betrifft, ist Estland das große Vorbild. Denn in unseren Breitengraden ist es noch weit hin bis zu einer reibungslos funktionierenden digitalen Verwaltung. Eine Reportage der Zeit zeigt, wie sich Österreich an der Digitalisierung der Verwaltung versucht und dabei immer neue Probleme auftauchen: Diskriminierung, Datenschutzprobleme und Lücken in der Software.

Google Thought My Phone Number Was Facebook’s and It Ruined My Life (Motherboard / Vice)
Pech für Tech-Reporter Lorenzo Franceschi-Bicchierai. Weil er einen kritischen Beitrag über Facebooks Umgang mit den Telefonnummern seiner Nutzer*innen veröffentlicht hat, tauchte seine Telefonnummer auf, wenn Menschen auf Google nach „Facebook phone number“ suchten (was laut Google einige zehntausend Mal im Monat der Fall ist). Facebook selbst hat bekanntermaßen keine Kundenhotline. Stattdessen landeten wütende und planlose Nutzer*innen bei Franceschi-Bicchierai. Google hat das Problem inzwischen behoben. Zeigt aber mal wieder: Mit Intelligenz haben solche Algorithmen wenig zu tun.

Schweden nimmt Untersuchungen gegen Assange wieder auf (FAZ)
Die schwedische Staatsanwaltschaft hat angekündigt, die Ermittlungen gegen Julian Assange wegen Vergewaltigung wieder aufzunehmen. Assange war vor sieben Jahren wegen eben dieser Ermittlungen in die ecuadorianische Botschaft geflüchtet, weil er fürchtete, via Schweden an die USA ausgeliefert zu werden. Eine schwedische Frau hatte ihm vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Er bestreitet das und sagt, der Sex war einvernehmlich. Vor Gericht konnte das nie geklärt werden, da Assange sich entzog. Die Ermittlungen wurden 2017 eingestellt. Die Anwältin der betroffenen Frauen hat jetzt um die Wiederaufnahme gebeten.

Christchurch Call: details emerge of Ardern’s plan to tackle online extremism (Guardian)
Online-Dienste müssten mehr gegen terroristische und extremistische Inhalte auf ihren Plattformen unternehmen, fordert die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern und der französische Präsidenten Emmanuel Macron. Die beiden wollen am Mittwoch eine „Christchurch Call“ genannte Erklärung vorstellen. Mehrere Länder sowie Anbieter haben ihre Zustimmung signalisiert. Laut Guardian bleibt es vorerst bei einem Aufruf zu freiwilliger Selbstregulierung: So mögen die Anbieter etwa ihre Algorithmen re-evaluieren, die Nutzer zu womöglich extremistischem Material lenken. Welche Inhalte damit aber genau gemeint sind, soll die Erklärung den unterzeichnenden Ländern und Plattformen überlassen.

Facebook auto-generates videos celebrating extremist images (Associated Press)
Hier ein Beispiel, wo Plattformen im Kampf gegen terroristische Inhalte ansetzen könnten: Facebook etwa erstellt laut einer AP-Recherche automatisiert Werbe-Videos für Terrorgruppen wie ISIS oder generiert für sie Business-Fanpages, was Extremisten beim Vernetzen hilft. Facebook ist wirklich … beeindruckend.

Ein Spam-Opfer hackt zurück (c’t)
Woher kommen eigentlich diese ganzen skurrilen Nachrichten und Angebote, die den Spam-Ordner überquellen lassen? Ein anonymer Hacker hat sich auf die Suche nach dem Absender begeben und für die c’t seine (halb-legale) Schnitzeljagd dokumentiert.

Eine sehr freie Interpretation eines NYT-Artikels (@raeuberhose)
Auf Twitter nimmt die Journalistin Karolin Schwarz Artikel von Spiegel Online, T-Online und watson.de auseinander, denen zufolge Russland Antifa-Gruppen in Deutschland unterstützen soll. Tatsächlich beruht die Berichterstattung auf einem Artikel in der New York Times, die sich wiederum nur auf einen einzigen Experten beruft. Dessen Schlussfolgerung, die Gruppen seien russische Agenten, stützt sich offenbar im Wesentlichen auf die Tatsache, dass sie Anonymisierungsdienste nutzten, die auch von „russischen Hackern“ eingesetzt wurden.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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Dieses Comic räumt mit den Mythen um maschinelles Lernen auf

netzpolitik.org - 13 Mai, 2019 - 17:45
Verschachtelt: Zeichnerin Lena Ziyal findet klare Bilder für komplexe Konzepte CC-BY-NC-SA 4.0 Julia Schneider & Lena Ziyal

In was für einer Zukunft wollen wir leben? Und wie kommen wir dorthin? Mit diesen Fragen beginnen Julia Schneider und Lena Ziyal ihre Geschichte über die Technologien, die so gerne unter dem Buzzword Künstliche Intelligenz zusammengefasst werden und setzen damit gleich den Ton. Hier wird also nicht nur Anschauungsunterricht zu Algorithmen und maschinellem Lernen geboten. Es geht um das große Ganze, einen Entwurf der Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten wollen.

„KI ist das Material für Terminator-esque Endzeit-Szenarien und ein unsichtbarer, aber sich stetig vergrößernder Teil unseres Alltags“, schreiben sie auf der Webseite zum Comic, das man kostenlos herunterladen oder als gedrucktes Buch kaufen kann. „KI schlägt vor, welche Nachrichten wir lesen, welche Routen wir nehmen und welche unserer E-Mails Spam sind.“ Die Technologie löst viele Ängste aus, sagt Schneider, die als Beraterin arbeitet. Dabei könnte sie der Schlüssel sein, um einige der größten Probleme zu lösen, den Klimawandel oder Finanzkrisen als Kollateralschaden des Kapitalismus etwa.

Diese Ängste soll das Comic-Essay nehmen, indem es die wichtigsten Begriffe und Ideen hinter maschinellem Lernen so erklärt, dass sie alle nachvollziehen können (derzeit ist das Comic allerdings nur auf Englisch zu lesen). Sie nehmen auch den Begriff Künstliche Intelligenz an sich auseinander und die Idee, dass es sich bei den engen, im Grunde recht dummen Systemen, mit denen wir es heute zu tun haben, überhaupt um Intelligenz handelt. Sie erklären die Funktion von Algorithmen, die Bedeutung von Daten und die Geschichte von KI als chronisch überschätzter Forschungsdisziplin. Und sie zeigen ganz praktische Beispiele dafür, wie maschinelles Lernen heute schon zum Einsatz kommt, etwa bei der Berechnung von Routen, der Bilderkennung oder den Vorschlägen auf Netflix.

Utopischer Ausblick

Das alles auf nur 56 Seiten und in starken schwarz-weißen Bildern von Lena Ziyal, die eine Prise feinen Humor über die eher trockenen Fakten stäubt. Bei ihr liegt die KI noch in der Wiege mit Steckdosenanschluss und kommt der Datenschutz in Tuben und Flaschen daher. Auf anderen Bildern tragen Ärztinnen ganz selbstverständlich Kopftuch.

Das ist wohl eine der größten Stärken des Comics: Es ist kurz und unterhaltsam und damit eine Tür, durch die man leicht gehen kann. Denn einen Mangel an Papieren und Richtlinien rund um „Künstliche Intelligenz und Ethik“ gibt es wahrlich nicht. Wöchentlich erscheinen neue Guidelines und Experteneinschätzungen, ob von der High Level Expert Group der Europäischen Kommissionen, der Bertelsmann Stiftung, Unternehmensberatungen oder den Konzernen selbst, die diese Technologien entwickeln. Wer will und kann das alles lesen? Ein Comic, noch dazu unter CC-Lizenz im Netz für alle zugänglich, passt im Zweifel in eine U-Bahnfahrt und erreicht ein anderes Publikum.

Und genau das ist die Idee, wie die beiden bei der Vorstellung ihres Projektes auf der Konferenz republica berichteten. Denn wenn wir uns noch einschalten wollen in die Entwicklungen, die maschinelles Lernen nimmt, dann ist jetzt der Zeitpunkt, sagen Schneider und Ziyal. So schließt ihr Comic auch mit einem Essay rund um das utopische Potential von Maschinen. So naiv zu glauben, dass Technologie gesellschaftliche Probleme alleine lösen könnte, sind die beiden nicht. „Technische Lösungen können bestehende soziale Ungerechtigkeit nicht auflösen, so lange alles bleibt, wie es ist“, schreiben sie zum Abschluss ihres Essays. Sie könnten aber ein Katalysator sein, um über diese Ungerechtigkeiten nachzudenken. Mit Hilfe welcher Daten trainieren wir Algorithmen, so dass sie Diskriminierung nicht verstärken? Wie schützen wir dabei die Privatsphäre? Und wie schaffen wir es, die Teilhabe an demokratischen Prozessen zu vergrößern, statt zu beschneiden?

Diese Diskussionen um die Probleme und Gefahren werden gerade an vielen Stellen geführt. Der utopische Ausblick aber, den dieser Comicessay bietet, der ist eher selten.

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Bundesdatenschutzbeauftragter fordert Pause bei Sicherheitsgesetzen

netzpolitik.org - 13 Mai, 2019 - 15:46
Neue Überwachungsbefugnisse sind zum Dauerthema geworden CC-BY-NC-SA 2.0 Mario Sixtus

Der Bundesdatenschutzbeauftragte (BfDI) Ulrich Kelber hat in seinem neuen Tätigkeitsbericht die zunehmenden Befugnisse der Sicherheitsbehörden in Grundrechte einzugreifen kritisiert.

Seit einigen Jahren erkennt man den Trend, die Kompetenzen der Sicherheitsbehörden zur Verarbeitung personenbezogener Daten immer umfassender auszuweiten: „Gerade vor dem Hintergrund einer kontinuierlich zurückgehenden Kriminalitätsrate ist diese Entwicklung für mich unverständlich“, heißt es in der Pressemitteilung der Behörde zum Datenschutzbericht.

Statt neuer Gesetze und weiterer Grundrechtseingriffe sollten sich die Behörden vielmehr darauf konzentrieren, bereits bestehende Kompetenzen voll auszuschöpfen. Denn viele Probleme seien eher „auf nicht ausreichende personelle und technische Ressourcen zurückzuführen, als auf fehlende Möglichkeiten, personenbezogene Daten verarbeiten zu können.“

„Sicherheitsgesetz-Pause“

Explizit mahnt er hier den zunehmenden Ausbau von Befugnissen der Bundesbehörden an, wie etwa dem Bundeskriminalamt (BKA) oder jüngst dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Zwar benötigen die Polizeien der Länder eine „gut funktionierende Zentralstelle“ für einen effizienten Informationsaustausch. Doch dürfe man nicht vergessen, dass Gefahrenabwehr Aufgabe der Länder ist und mit zentralen Datenbeständen viele datenschutzrechtliche Bedenken einher gingen.

Deswegen fordert Kelber eine Pause in der Sicherheitsgesetzgebung: „Wir brauchen dringend eine Sicherheitsgesetz-Pause in Deutschland, während der sich auf die Behebung bestehender Defizite konzentriert wird“. Er warnt vor „gesetzgeberischem Aktionismus“, denn es stelle sich die Frage, ob neue und umfassendere Befugnisse zur mehr Sicherheit führen würden.

„Kontrollfreie Räume bei Nachrichtendiensten“

Zudem bemängelt Kelber „kontrollfreie Räume im Bereich der Nachrichtendienste“. Diese würden etwa durch Überschneidungen unterschiedlicher Kontrollbehörden entstehen, wie der G-10-Kommission, die eine Verarbeitung von personenbezogenen Daten im Einklang mit Post- und Fernmeldegeheimnis überprüft.

Besonders kritisiert Kelber aber, dass keine Kontrollbefugnisse durch den Gesetzgeber vorgesehen seien, wenn Geheimdienste mit ausländischen Diensten zusammenarbeiten. Da seit 2016 deutsche Geheimdienste gemeinsame Dateien mit ausländischen Behörden einrichten dürfen, müssten auch die Kontrollmöglichkeiten des BfDI ausgeweitet werden.

Gleichzeitig enthält der Bericht auch Positives, etwa dass sich viele Kontrollen bereits „eingespielt“ hätten, wie etwa die Pflichtkontrollen der Anti-Terror-Datei (ATD) und der Rechtsextremismus-Datei (RED). Besonders diese gemeinsam genutzten Datenbanken wurden immer wieder kritisiert, weil besonders viele Behörden von Polizei und Geheimdiensten Zugriff auf personenbezogene Daten haben. Hier konnte der Datenschutzbeauftragte „einen der Sensibilität der Dateien angemessenen Umgang mit den Daten feststellen.“ Allgemein unterlägen die Systeme strengen Sicherheitsvorkehrungen und strikten Berechtigungskonzepten.

Doch auch wenn keine Verstöße im Umgang mit den Systemen festgestellt wurden, stellt sich für Kelber die Frage, ob tatsächlich ein Nutzwert der Datenbanken bestehe. Die Systeminfrastruktur sei unflexibel und meist würden andere Wege genutzt, um sich über Personen auszutauschen – etwa in den Gemeinsamen Zentren von Polizei und Geheimdiensten.

Klare Empfehlungen

Auch jenseits der Forderung nach einer Pause für die Sicherheitsgesetzgebung sind die Empfehlungen des BfDI für den Bereich der Inneren Sicherheit klar umrissen. Etwa brauche es klare Zuständigkeiten für die Kontrolltätigkeiten von BfDI und G‑10‑Kommission, die auch die Kooperation zwischen diesen beiden Aufsichtsbehörden umfasst. Ebenso empfiehlt der BfDi, die Kontrollmöglichkeiten auch auf gemeinsame Dateien mit ausländischen Geheimdiensten auszuweiten sowie an umstrittenen Datentöpfen wie der Anti-Terror-Datei nicht länger festzuhalten.

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NPP 174: Wem gehören unsere Perioden-Daten?

netzpolitik.org - 11 Mai, 2019 - 08:25
In der neuen Folge unseres Podcasts NPP dreht sich alles um Blut und Daten: Period-Tracking. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Cassi Josh

Wann und wie oft hatte ich letzten Monat Sex? In welcher Position? Wie schlimm war das PMS? Und wie steht es mit der Familienplanung? Viel persönlicher als die Informationen rund um die eigene Periode und Fruchtbarkeit kann es kaum werden. Früher hatte man dafür Stift und Kalender. Heute nutzen viele Millionen Apps auf dem Smartphone. Sie sind schnell und praktisch und schicken einem sogar freundliche Push-Mitteilungen, wenn die nächste Blutung ansteht oder zu spät kommt.

Diese Anwendungen verändern die Wahrnehmung von Körper, Gesundheit und Sexualität – und in vielen Fällen bleiben die extrem intimen Daten nicht auf dem Telefon. Sie geraten in die Cloud, liegen also auf den Servern einer Firma. Für die Anbieter der häufig kostenlosen Apps sind sie pures Gold: Sie vermarkten sie an Versicherungen, Arbeitgeber oder andere Firmen, die daraufhin passgenaue Werbung ausspielen. Die Nutzerinnen bekommen das häufig gar nicht mit.

Wir sprechen in dieser Episode mit Marie Kochsiek und Tina Baumann vom Bloody Health Collective, eine Gruppe feministischer Entwicklerinnen aus Berlin. Auf der Suche nach einer besseren Methode für sich selbst, begannen sie eine eigene App zu entwickeln – Open Source und nicht kommerziell.

NPP174: Menstruation, Selbstvermessung und emanzipatorische Technologie

https://netzpolitik.org/wp-upload/2019/05/NPP174-Period-Tracking.mp3

Hier ist der Link zum Download von NPP174 über Period-Tracking als mp3-Datei.

Alternativ bieten wir NPP174 über Period-Tracking auch als ogg-Datei zum Download.

Shownotes:

Das Bloody Health Collective auf Twitter
Die Beta-Version von Drip zum Download
Period tracker apps: Where does your data end up? (Edri)
Is your pregnancy app sharing your intimate data with your boss? (Washington Post)
Sexuality, sexual and reproductive health and rights, and the internet (Tactical Tech)
MenstruApp: How to turn your period into money (for others) (Infoseite der feministischen Tech-NGO Coding Rights)
The Pregnancy Panopticon (Electronic Frontier Foundation)
Examining Menstrual Tracking to Inform the Design of Personal Informatics Tools (Studie)
GynePunk, the cyborg witches of DIY gynecology (makery)
Interview über Period-Tracking: „Wir brauchen Zyklus-Apps mit freier und offener Software!“ (netzpolitik.org)
Zweifel an Verhütungs-App: Natural Cycles verspricht mehr als es kann (netzpolitik.org)

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Was vom Tage übrig blieb: Lasst doch mal die Whistleblower in Ruhe!

netzpolitik.org - 10 Mai, 2019 - 18:00
Heute mal mit Filter über dem Foto, um den grauen Himmel erträglicher zu machen. CC-BY 4.0

Chelsea Manning Released from Alexandria Detention Center After Grand Jury Lapses (Sparrow Media)
Die Whistleblowerin Chelsea Manning ist aus der Beugehaft entlassen worden und soll nun erneut vor einem Geheimgericht aussagen. Ihre Anwälte teilen mit, dass sie sich jedoch weiterhin weigern wird, Informationen preis zu geben. Wahrscheinlich bedeutet das erneute Haft für sie.

USA: Dritter Whistleblower nach Leak bei The Intercept festgenommen (heise online)
In den USA ist erneut ein Whistleblower angeklagt worden, der geheime Informationen zum US-Drohnenkrieg an Journalist:innen weitergegeben haben soll. Aus der Anklageschrift soll hervorgehen, dass es sich dabei um eine Quelle von The Intercept handeln soll. Das wäre dann bereits die dritte aufgeflogene Quelle des Onlinemagazins, das von Edward Snowdens Co-Enthüller Glenn Greenwald mitgegründet wurde.

Deniz Yücel: Erdogan ließ mich foltern (Deutsche Welle)
Deniz Yücel berichtet in seiner Aussage für den Prozess in der Türkei, die er vor einem Berliner Gericht machen kann, von Folterungen gegen ihn. Neben verbalen Demütigungen und Drohungen war Yücel nach eigenen Angaben auch physischen Angriffen wie Schlägen und Tritten ausgesetzt.

#Twittersperrt: Viele Beschwerden über unberechtigte Account-Blockaden (Heise.de)
Bei Twitter gibt es gerade eine Welle von Sperrungen. Das Unternehmen hatte zuletzt auf Druck der EU neue Regeln gegen Wahlmanipulation aufgestellt. Jetzt scheint es so, dass rechte Netzwerke Tweets melden, in denen AfD-Wähler satirisch zum Unterschreiben von Wahlzetteln aufgerufen wurden – und Twitter dieser Strategie auf den Leim geht.

Should the media quit Facebook? (Columbia Journalism Review)
Für Nachrichtenmedien bietet Facebook einen tollen Kanal, um Reichweite und Aufmerksamkeit für die eigenen Recherchen zu finden. (Auch netzpolitik.org betreibt eine Facebook-Seite.) Aber es gibt gewichtige Gründe für Medien, trotzdem auf Facebook zu verzichten, schreibt der Medienjournalist Mathew Ingram. Er stellt die Gretchenfrage: Nützt das Verbreiten von Nachrichten auf Facebook mehr uns, den Medien, oder mehr dem Datenkonzern?

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Netzpolitischer Wochenrückblick KW 19: re:publica, Fusion-Festival und Recherchen zu Facebook

netzpolitik.org - 10 Mai, 2019 - 16:51
Lasst uns doch Freiräume zum tanzen! CC-BY 2.0 Bernd Thaller

Unser Wochenrückblick wird auch als wöchentlicher Newsletter verschickt. Hier könnt Ihr Euch anmelden.

Großes Thema war diese Woche die re:publica 2019: Eine bunte, vielfältige und digitale Konferenz – und auch etwas Festival. Neben Markus Beckedahl, der die Konferenz mitbegründet hat und weiterhin der Orga treu bleibt, war auch der Großteil der Redaktion auf der re:publica. Neben unserem Stand, an dem man die Redaktion mit Fragen löchern konnte, waren viele Redaktionsmitglieder an Vorträgen und Diskussionen beteiligt.

Trotz allem Business und Messefeeling ist die re:publica nach wie vor hochpolitisch – und das über netzpolitische Themen hinaus. So wurde die Auseinandersetzung um das Fusion-Festival und eine mögliche Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände auf der re:publica breit diskutiert: Nicht nur bekundeten Speaker:innen ihre Solidarität, es gab sogar einen auf der Open-Air-Bühne übertragenen Livestream der Pressekonferenz des Festivals.

Fusion: Freiräume werden enger

Grundsätzlich geht es bei der journalistischen Arbeit von netzpolitik.org um Grund- und Freiheitsrechte im digitalen Raum. Wir streuten häufger, ob manche Themen einen netzpolitischen Bezug haben. Aber lässt sich das mit digital und analog so genau trennen? Wenn analoge gesellschaftliche Freiräume durch staatliche Eingriffe und Kontrolle immer enger werden, dann kann das nicht gut sein für die Demokratie insgesamt. Mit der Forderung der Polizei nach einer Wache zentral auf dem Festival und anlassloser Bestreifung würde übrigens auch ein bisher erfolgreiches liberales Sicherheitskonzept gefährdet. Und dann fanden wir auch noch heraus, dass der Polizeipräsident gegen das Festival offenbar einen Einsatz mit 1.000 Polizist:innen vorbereitet.

In der Fusion-Debatte geht es längst um mehr als die Zukunft des Festivals, es geht um die Frage: Wieviel Freiheit zur Entfaltung gibt es noch in diesem Land?  Wieviel Freiheit hat die Kunst noch? Wie viele nicht überwachte Räume des Miteinanders gibt es noch? Und so verwundert es nicht, dass eine Petition für die Fusion in kürzester Zeit mehr als 115.000 Unterschriften gesammelt hat. Spannend wird es nächste Woche: Dann soll die Entscheidung über die Zukunft des Festivals fallen.

Moderation von Social Bots

Unsere neuesten Recherchen haben gezeigt, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wohl nicht Facebooks Moderationsprobleme lösen wird, ohne neue zu schaffen. Eine Insider-Quelle hatte erstmals darüber berichtet, wie es sich der Einsatz automatisierter Entscheidungsverfahren auf die Moderationsarbeit auswirkt: Auch wenn am Ende immer noch Menschen entscheiden würden, verändert sich die digitale Öffentlichkeit grundlegend mit der automatisierten Inhaltserkennung.

Besonders in Zeiten, in denen der Begriff „Social Bot“ Angst und Schrecken vor Manipulation in sozialen Medien verbreitet, wird immer lauter nach Regulierung gerufen. Doch Expert:innen betonen immer wieder, dass Social Bots derzeit irrelevant in der politischen Kommunikaion seien. Stattdessen brauche es mehr Forschung und weniger Panik, denn derzeit ist der Bot als politische Diffamierung wirkmächtiger als die Social Bots selbst.

Liebeserklärung an Foren

Neben all der Dystopie und den Abwehrkämpfen, kann das Internet auch ganz anders: Es ist Gemeinschaft und wertvolle Wissensbasis. Wir haben mit Forenbetreiber:innen über ihre Foren gesprochen und was an ihnen besonders ist. Heraus kam eine Liebeserklärung.

Und wir haben noch mehr gute Nachrichten: Ein Pilotversuch zur Geschwindigkeitüberwachung in Niedersachen bleibt weiterhin verboten. Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg untersagte die Geschwindigkeitskontrolle mittels Kennzeichenerfassung, da dieses gesetzlich nicht gedeckt ist.

Und in den USA wurde erneut eine Klage gegen die Massenüberwachung der NSA abgewiesen. Ein Bundesrichter urteilte, dass zum Schutz der nationalen Sicherheit ein mögliches Überwachungsprogramm geheim bleiben müsse.

Zum Abschluss noch eine Portion Netzpolitik für die Ohren: Wir haben die vierte Ausgabe unseres Insider-Podcasts „Off The Record“ veröffentlicht, in dem wir auf drei unserer Lieblingsgeschichten aus den letzten Wochen zurückblicken.

Wir wünschen ein schönes Wochenende!

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Pilotversuch für neuartige Geschwindigkeitsüberwachung bleibt verboten

netzpolitik.org - 10 Mai, 2019 - 15:28
CC-BY-SA 4.0 Nxr-at

Der niedersächsische Pilotversuch einer neuen Form der Geschwindigkeitsüberwachung auf der Bundesstraße 6 zwischen Gleidingen und Laatzen bleibt verboten. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat am 10. Mai die Beschwerde der Polizeidirektion Hannover gegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts Hannover zurückgewiesen, heißt es in der Pressemitteilung. In der Folge des Beschlusses war die von Niedersachsen als erstem Bundesland erprobte Geschwindigkeitsüberwachungsanlage ausgeschaltet worden.

Die Besonderheit des Blitzers besteht darin, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit über eine längere, im Pilotversuch rund zwei Kilometer umfassende Strecke ermittelt wird. Deshalb werden bei Ein- und Ausfahrt eines bestimmten Abschnittes der Straße vorsorglich die Kennzeichen aller Fahrzeuge erfasst, und zwar unabhängig von ihrer Geschwindigkeit.

Ausschlaggebend für die Zurückweisung der Beschwerde war laut Gericht, „dass sich die Polizeidirektion Hannover mit den tragenden Gründen des verwaltungsgerichtlichen Beschlusses nicht hinreichend auseinandergesetzt hat“. So habe sie insbesondere nicht dargelegt, warum der Antragsteller die vom Verwaltungsgericht in der Abschnittskontrolle gesehene Grundrechtsverletzung im überwiegenden öffentlichen Interesse vorübergehend hinnehmen müsse.

Fehlende gesetzliche Grundlage

Geklagt hatte ein Rechtsanwalt, der die Strecke täglich mit seinem Auto befährt. Er rügte die anlasslose Erfassung und Speicherung seiner personenbezogenen Daten, in diesem Fall das Autokennzeichen, denn für den Betrieb der Anlage fehle eine gesetzliche Grundlage.

Die Landesdatenschutzbeauftragte Barbara Thiel kommentierte das Urteil: „Der Beschluss des OVG Lüneburg bestätigt einmal mehr den bisweilen leichtfertigen Umgang der Polizei mit dem Thema Datenschutz. Es bleibt also dabei: Solange der Landtag keine ausreichende gesetzliche Grundlage für die Datenverarbeitung durch Section Control verabschiedet, muss der Pilotbetrieb der Anlage ruhen.“

Bürgerrechtler:innen sollten sich allerdings nur kurz über das Urteil freuen. Die Regierung Niedersachsens will demnächst eine Änderung des Niedersächsischen Gesetzes für Sicherheit und Ordnung beschließen und diese Form der Verkehrsüberwachung erlauben.

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Das war die re:publica19: bunt, vielfältig und digital

netzpolitik.org - 9 Mai, 2019 - 20:55
Der Eingangsbereich zur re:publica 2019. CC-BY-SA 2.0 re:publica

Das war die re:publica 2019: Ein buntes, digitales, großes und schönes Festival. An drei Tagen gab es über 1.000 Sprecher:innen in über 600 Sessions auf 500 Stunden Gesamtprogrammzeit. Mit dem Motto „tl;dr“, das für „too long, didn’t read“ steht, wollte die diesjährige Ausgabe ein Zeichen gegen die Schnelligkeit des Internets setzen – gegen Verkürzungen und für die Einsicht, dass unsere Welt nun einmal komplex ist.

Montag: Endlich gehts los

Endlich geht es los: Wenn man morgens auf das Gelände schlendert, merkt man, dass viele Menschen lange auf den Start der neuesten Ausgabe der re:publica gewartet haben. Die Stimmung ist aufregt, man blickt in vorfreudige Gesichter, die zielstrebig zu den ersten Vorträgen strömen. Andere lassen es langsamer angehen: erst mal einen Kaffee mit alten und neuen Bekannten trinken, und zwischen den vielen Ständen umher schlendern. Dort ist auch die Redaktion: Zwischen den Ständen von Porsche und dem Freistaat Bayern verteilen wir die regenbogenenfarbenen Sticker, kleine Buttons und geben vor allem Auskunft zu unserer Arbeit.

Erstmals wurde die re:publica von Bundespräsident Steinmeier eröffnet: Er fordert mehr Regeln im Internet, eine vernünftige Debattenkultur und eine größere Verantwortungsbereitschaft der großen Tech-Konzernen. Kurz darauf gibt Markus Beckedahl in seinem Talk „tl;dr – Digital war mal besser“ einen Überblick über den aktuellen Stand der Netzpolitik und Leonhard Dobusch spricht über die Rolle öffentlich-rechtlicher Fernsehsender im digitalen Zeitalter.

Dienstag: Voss vs. Beckedahl und Fusion-Diskussion

Die Kontroverse um die Upload-Filter durfte natürlich auch auf der re:publica nicht fehlen. In der völlig überfüllten Halle 2 trafen die Antagonisten Markus Beckedahl und der CDU-Politiker Axel Voss, aufeinander. Es wurde leidenschaftlich unter Applaus und Buh-Rufen diskutiert. Respekt an dieser Stelle für Voss, dass er sich überhaupt auf die re:publica gewagt hat: Im überfüllten Saal sitzen vor allem Gegner:innen

Am Nachmittag ging es dann weiter mit einer Diskussion von Beckedahl mit der Umweltministerin Svenja Schulze und dem Wissenschaftsautor Tilman Santarius: Sie diskutieren die Chancen und Risiken der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung, und wie Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt gestellt werden können.

Am Abend hält CCC-Sprecher Frank Rieger seinen Vortrag zu „Cyberwar, hybride Kriegführung, Desinformation“.

Neben all den spannenden Vorträgen und Diskussionen auf den vielen Bühnen, gab es genauso die Möglichkeit, im Community:Garden bei einer Limo oder Bier zu chillen oder sich an den vielen Messeständen zu spannenden Themen rund rund die Digitalisierung auszutauschen. Genauso konnte man VR-Brillen ausprobieren, Freibier von Unternehmen trinken oder das Neueste über vertikale Begrünung von Häusern in Städten erfahren.

Heute merkt man noch einmal deutlich, dass die re:publica ein sehr politischer Ort ist. Denn die Diskussion um das Fusion-Festival und die geplante Polizeipräsenz ist auch hier angekommen und wird rege diskutiert. In ihren Vorträgen thematisierten unter anderem Markus Beckedahl, Frank Rieger und Ingo Dachwitz den Konflikt und warnten vor den Plänen der Polizei. Im re:publica Live-Podcast der „Lage der Nation“ trat spontan Kulturkosmos-Vorsitzender Martin Eulenhaupt auf und erklärte zusammen mit CCC-Sprecher Linus Neumann die aktuelle Situation.

Mittwoch: netzpolitik.org on Stage

Heute ist es ein besonders voller Tag. Unser Redakteur Ingo Dachwitz spricht morgens über Rolle von Daten im Wahlkampf, denn mit den anstehenden Europawahlen stehen Microtargeting und Manipulation im Fokus. Am Abend diskutiert er dann mit den Vorsitzenden der Datenethikkommission über Ethik im Digitalen Zeitalter, Dateneigentum und aktuelle Regulierungsbedarfe.

Auch Alex Fanta, der für uns aus Brüssel berichtet, interviewte vor gut 1.000 Menschen die EU-Wettbewerbskommissarin Vestager (ab min. 02:32:00). Sie machte deutlich, dass die Zerschlagung großer Tech-Konzerne nur das allerletzte Mittel gegen die Marktübermacht von Google und Co. sein dürfe und plädierte statt dessen für eine Freigabe der Daten, damit richtiger Wettbewerb wieder möglich sei.

Natürlich gab es Unmengen weiterer Vorträge rund um die Netzpolitik. Aber auch viele andere Themenbereiche wurden auf der re:publica diskutiert. Etwa die Rolle des Journalismus in der digitalen Welt und die neuen Herausforderungen und Veränderungen, mit denen der klassische Journalismus konfrontiert ist. Weitere Themen waren Bildung in der Digitalisierung oder auch Business und Innovation.

Der krönende Abschluss der re:publica war wohl der Auftritt des Astronauten Alexander Gerst: Nur etwas komisch, dass er in seinem blauen Weltraum-Anzug aufgetreten ist statt in normalen Klamotten – wir sind ja nicht vom Mond, oder so.

Nach einer so gelungenen und vielfältigen Konferenz darf eines nicht fehlen: Ein kühles Bier und in Berlin natürlich die treibenden Techno-Beats. Dann entlässt die re:publica die vielen tollen Menschen sanft in die Nacht. Im nächsten Jahr bin ich bestimmt wieder dabei.

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Was vom Tage übrig blieb: It’s all about the GAFAM’s, baby!

netzpolitik.org - 9 Mai, 2019 - 18:00
Der Fernsehturm, dieser stählerne Gigant, säuft sich an den Wolken satt. CC-BY 4.0

It’s Time to Break Up Facebook (New York Times)
Chris Hughes, der Facebook gemeinsam mit Mark Zuckerberg vor 15 Jahren gründete, fordert lautstark die Zerschlagung des 500-Milliarden-Dollar-Konzerns. In einem Gastbeitrag für die New York Times plädiert er dafür, Facebook seine wichtigsten Zukäufe, Instagram und WhatsApp, wieder zu entreißen. Hughes ist schon länger ein Kritiker der Firma, die er 2007 verließ um am Wahlkampf von Barack Obama mitzuarbeiten. Aber die Abrechnung mit dem Zuckerberg-Konzern ist seine wohl bisher härteste Attacke auf die Dominanz der blauen Plattform.

Google’s Sundar Pichai: Privacy Should Not Be a Luxury Good (New York Times)
Google-Chef Sundar Pichai schreibt in einem Gastbeitrag für die New York Times, wie wichtig seiner Firma die Privatsphäre ihrer Nutzer sei. Das ist dann doch ein wenig dick aufgetragen, wenn man bedenkt, dass das Geschäftsmodell Googles auf der systematischen Ausbeutung privater Nutzerdaten beruht. Der Gastbeitrag setzt auf rhetorische Tricks, die wir auch von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kennen. Etwa schreibt Pichai, die Menschen seien zu Recht besorgt darüber, wie ihre Daten genutzt und geteilt werden – er spart dabei aber aus, dass es nicht nur um die Nutzung geht, sondern auch bereits um die schiere Sammlung der Daten von Milliarden Google-Nutzern. Auch bedient sich Pichai der auch von Mark Zuckerberg benutzten Halbwahrheit, seine Firma verkaufe keine Nutzerdaten. Das mag sein, doch ist es kaum besser, Werbekunden zwar nicht die ganzen Daten zu liefern, aber ihnen die Aufmerksamkeit der Nutzer auf Basis eben jener Daten zu vermieten.

Digitale Mogule bedrohen Demokratie (Deutsche Welle)
Die re:publica in Berlin ist vorbei und die Redaktion laboriert noch an den Folgen der Aftershowparty. Die Kolleg*innen bei Deutsche Welle haben inzwischen schon mal einen Überblick über die bei der re:publica geführte Debatte geschrieben, wie wir als Gesellschaft mit der Macht der großen Internetkonzerne umgehen sollen.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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USA: Erneut Klage gegen Massenüberwachung durch NSA abgewiesen

netzpolitik.org - 9 Mai, 2019 - 17:32
Lichtinstallation gegen die Massenüberwachung. (Symbolbild) CC-BY-NC 2.0 Joe Brusky

Erneut wurde in den USA eine Klage gegen die Massenüberwachung von US-Bürgern durch den Geheimdienst NSA abgewiesen. Ende April entschied das Bundesbezirksgericht in Nord-Kalifornien, die US-Regierung könne aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht preisgeben, ob die Kläger:innen direkt von der Spionage betroffen wären – eine der Voraussetzungen für ein erfolgreiches gerichtliches Vorgehen. Öffentlich verfügbare Beweise wiederum, etwa vom Whistleblower Edward Snowden beglaubigte Dokumente oder Aussagen des ehemaligen AT&T-Mitarbeiters Mark Klein, seien nicht stichhaltig genug, begründete der Richter in seinem Urteil.

Geklagt hatten mehrere US-Bürger, unter anderem die AT&T-Kundin Carolyn Jewel, bereits im Jahr 2008. Unterstützung erhielten sie dabei von der Digital-NGO Electronic Frontier Foundation (EFF). So soll das Telekommunikationsunternehmen AT&T Internet- und Telefonie-Daten seiner Kund:innen verdachtsunabhängig und somit illegal an den Geheimdienst weitergegeben haben. Im Zuge der Snowden-Enthüllungen erhielten die Anstrengungen um die Klage neuen Aufwind, durchsetzen konnten sich die Kläger:innen im Fall „Jewel vs. NSA“ jedoch bislang nicht.

Nationale Sicherheit statt Privatsphäre

Die EFF gab sich in einem Blog-Eintrag zwar enttäuscht, aber nicht überrascht – immerhin hat der Fall bereits einige eigenartige Windungen hinter sich. Der EFF-Anwalt Aaron Mackey schreibt: „Der Fall ‚Jewel vs. NSA‘ der EFF, der die NSA-Spionage in Frage stellt, ist weiter als jeder andere Fall gekommen, der versucht, die Massenüberwachungsprogramme der Regierung zu beenden.“ Deswegen sei es die EFF mittlerweile gewöhnt, die rechtlichen Hindernisse zu überwinden, die ihnen in den Weg gelegt würden.

Dass Klagen gegen die Massenüberwachung bisher keinen Erfolg hatten, liegt unter anderem daran, dass sie grundsätzlich auf ein sogenanntes Catch-22-Dilemma stoßen, schreibt die EFF. Im konkreten Fall bedeutet dies, dass niemand effektiv klagen könne, es sei denn, ein Gericht stellt zunächst fest, dass eine Person von den umfangreichen Überwachungsmechanismen der NSA tatsächlich betroffen war oder ist. Vertreter der US-Regierung argumentierten bislang erfolgreich, dass ein Gericht gar nicht entscheiden könne, ob eine Person von der Überwachung betroffen sei, es sei denn, die Regierung würde dies zugeben. „Was sie natürlich niemals machen wird“, schreibt die EFF.

Gegen dieses Urteil wird die NGO nun Berufung einlegen: Die Anwälte verweisen auf die vielen direkten und indirekten Beweise für eine Massenüberwachung, sodass es sehr wahrscheinlich sei, dass auch die Kommunikation der Kläger:innen davon betroffen sei.

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Social Bots: Was nicht erkannt werden kann, sollte nicht reguliert werden

netzpolitik.org - 9 Mai, 2019 - 14:24
Mit der Bezeichnung "Bot" wurden Gegner der EU-Urheberrechtslinie diffamiert. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Markus Spiske

Spätestens seit Donald Trump 2016 die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat, grassiert die Angst vor dem Einfluss der Meinungsroboter. Im US-Wahlkampf sollen automatisierte Accounts in sozialen Netzwerken Stimmung gemacht haben. Sehr viele für Donald Trump, deutlich weniger für Hillary Clinton. Die Befürchtung hinsichtlich von Social Bots ist: Wenn automatisierte Accounts einen Kandidaten oder eine Partei bejubeln, dann wird dieser politische Einfluss nicht von dem mit den besten Argumenten und den meisten Anhängern ausgeübt, sondern von dem Akteur, der am meisten Geld in Technik und Know-How stecken kann. Das könnte eine demokratische Auseinandersetzung verzerren – und ist deshalb nicht wünschenswert. Doch haben Bots wirklich so viel Einfluss, wie man angesichts nervöser Debatten immer wieder meinen könnte? Was sind überhaupt Bots?

Das Wort „Bot“ ist die Kurzform des englischen Wortes Robot (Roboter). Im Zusammenhang mit sozialen Medien ist ein Bot ein maschinell gesteuerter Account, der automatisiert Aufgaben erfüllt. Dabei können Bots sehr praktisch und völlig legitim sein. Die Netzpolitik-Redaktion hat zum Beispiel einen Bot, der in regelmäßigen Abständen überprüft, ob auf netzpolitik.org neue Artikel veröffentlicht wurden. Dann postet er Überschrift, den Link und das Artikelbild auf Twitter. Ganz von allein, ohne dass die Redaktion jeden Artikel von Hand rausschicken müsste. Dass hinter diesem Twitter-Roboter kein Mensch steht, wird dabei direkt im Account transparent gemacht.

Guter Bot, böser Bot

Will jemand im größeren Stil Bots einsetzen, benötigt er viele Accounts. Solche Accounts können automatisiert erstellt werden und sind im Internet in Tausenderpaketen gegen Geld erhältlich. Für den Preis der falschen Accounts gilt: Je menschlicher der Bot wirkt, desto teurer wird es. Vier Jahre alte Bots mit Profilbild, Biografie-Text und zahlreichen Freunden sind also mehr wert als der gerade erstellte Bot ohne Bild, ohne Text, ohne Follower und mit einem kryptischen Kontonamen wie „@xrg92120208383“ bei Twitter. Die Aktionen von Social-Media-Accounts lassen sich über eine Software steuern. So wird ein Social Bot daraus. Diese können Freundschaftsanfragen bei Facebook stellen, anderen Accounts folgen, Tweets bei Twitter retweeten oder einen Facebook-Post liken.

Einfache Social Bots dienen der künstlichen, maschinellen Relevanzzuweisung. Sie können beispielsweise bestimmte Themen oder Hashtags automatisiert verstärken. Diese künstliche Relevanzerhöhung kann durch die Berichterstattung von Medien („Auf Twitter ‚trendete‘ Kandidat XY“ oder „Politikerin XY hat 100.000 Follower“) noch einmal multipliziert werden. Wie oft ein Video auf YouTube angeschaut wurde, lässt sich mit Geld und Know-How genauso manipulieren wie die Menge von Freunden auf Facebook, die Anzahl von Likes bei Instagram oder eben Retweets eines bestimmten Hashtags auf Twitter. Aufwändig programmierte Bots könnten auch mit anderen Accounts interagieren, etwa indem sie auf bestimmte Aussagen mit bestimmten Antworten reagieren. So ein Bot könnte auf einen Tweet „Ich wähle XY“ antworten: „Willst du wirklich XY wählen? XY hat hier gelogen, siehe Link“. So könnten Bots tausendfach automatisiert Zweifel säen. Diese Spielart der Bots ist auch in Kombination mit sogenannten Fake News, also Falschmeldungen, denkbar.

Entwarnung für Bundestagswahlkampf 2017

Trotz starker Befürchtungen sind solche Arten automatisierter Desinformation gar nicht oder nur in sehr geringem Maßstab im Bundestagswahlkampf 2017 passiert. Meinungsroboter kamen nur vereinzelt zum Einsatz. Vor der Wahl hatten alle Parteien der Nutzung von Social Bots eine Absage erteilt – und sich auch daran gehalten.

Bei der AfD war allerdings eine andere Art der Täuschung zu beobachten: Im Umfeld der Partei tauchten im Wahljahr auf Twitter zahlreiche inoffizielle Unterstützer-Accounts auf, die gezielt Werbung für die Partei machten. Durch eine großangelegte Datenuntersuchung von Tagesspiegel und netzpolitik.org kam heraus, dass die Accounts untereinander und mit der Partei in Kommunikation standen und deren Kanäle signifikant verstärkten. Doch waren es keine Roboter, die diese Armee von pseudonymen Accounts bedienten, sondern echte Personen.

Ein ähnliches Phänomen, bei dem beispielsweise auf Twitter Diskussionen und deren Wahrnehmung manipuliert werden sollen, sind Trollgruppen, die sich über andere Kommunikationsebenen wie beispielsweise die Chat-Plattform Discord organisieren und koordinieren. Eine dieser Gruppen war Reconquista Germanica, die populäre Hashtags mit eigenen, hetzerischen Inhalten flutete. Oftmals reichen für solche koordinierten Aktionen und eine signifikante Wahrnehmbarkeit schon 50-100 Accounts, die von wenigen Menschen gesteuert werden.

Eine weitere Strategie ist der Aufbau von Fake-Influencern. So gelang es, eine falsche rechte US-Bloggerin mit dem Namen „Jenna Abrams“ aufzubauen, die mehr als 70.000 Follower hatte, von Abgeordneten retweetet und von bedeutenden Zeitungen zitiert wurde. Solche Kunstfiguren, in denen aber jede Menge menschlicher und kreativer Arbeit steckt, können aufgrund ihrer höheren Glaubwürdigkeit deutlich einflussreicher werden als automatisierte Accounts. Koordinierte Aktionen von sogenannten „Sockenpuppen“ und falschen Influencern, die von Menschen gesteuert und koordiniert werden, sind deutlich besser in der Lage Stimmungen aufzunehmen und in die Kommunikation einzugreifen oder diese zu stören. Die Grenzen zwischen erlaubter Meinungsäußerung, politischem Campaigning und unerwünschter oder gar illegaler Einflussnahme dürfte allerdings fließend sein, was die Bekämpfung von demokratieschädigender Einflussnahme in diesem Feld besonders schwer macht.

Die Relevanz von Social Bots wird überschätzt

Der Datenjournalist Michael Kreil untersucht Twitter seit Jahren. Er spricht den Social Bots auf dem sozialen Netzwerk keine Relevanz in der politischen Kommunikation zu. Kreil sieht deshalb auch keinen Handlungsbedarf bei der Regulierung von Social Bots – außer der Unterstützung der beobachtenden Forschung, damit diese besser als heute erkennen könne, falls Social Bots tatsächlich einmal eine Rolle spielen würden. Kreil sieht viel mehr Handlungsbedarf bei sogenannten „Dark Ads“, also Werbung für oder gegen Parteien, bei der ihr Ursprung nicht überprüfbar ist. Das passiert unter anderem bei der Finanzierung aus dem Ausland. Dies sieht auch Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs und Sachverständiger für Social Bots im Bundestag, ähnlich: „Bots verzerren eventuell ein bisschen die individuelle Wahrnehmung der Öffentlichkeit, aber das Individuum hat am Tag ungefähr 16 Stunden Aufmerksamkeit, von denen Bots nur winzige Teile und Teilaspekte überhaupt erreichen können.“

Wie Kreil und Neumann sieht auch der Social-Media-Analyst Luca Hammer Social Bots als „irrelevant in der politischen Kommunikation“ in Deutschland an. „Einen viel größeren Einfluss in der politischen Willensbildung hat das Sprechen über Social Bots.“ So seien in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform GegnerInnen der Richtlinie fälschlicherweise als Bots bezeichnet worden. Diese Art der Entmenschlichung führe dazu, dass die betroffenen Bürgerinnen und Bürger sowie ihre vorgetragenen politischen Bedenken diskreditiert würden.

Das Problem der Nachweisbarkeit von Bots

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag definiert Bots folgendermaßen: „Social Bots sind Computerprogramme, die eine menschliche Identität vortäuschen und für manipulative Zwecken eingesetzt werden, indem sie wie Menschen im Internet kommunizieren.“ Das wirft ein weiteres Problem auf: Man kann die Definition wissenschaftlich nicht verwerten. „Wie soll man denn Social Bots von Menschen unterscheiden können, wenn per Definition Social Bots und Menschen nicht unterscheidbar sind?“, fragt Kreil.

Viele Wissenschaftler unterstellen den vermeintlichen Social Bots deshalb ein bestimmtes Verhalten ohne dies jedoch belegen zu können. Das Computational Propaganda Research Project am Oxford Internet Institute (OII) und mit ihm viele andere Forscherteams verwenden als Kriterium, dass ein Account mehr als 50 Tweets am Tag absetzt. Doch dieses Kriterium erreichen auch Menschen problemlos. Kreil hat herausgefunden, dass es im Bundestag Abgeordnete gibt, die täglich 200 bis 300 Tweets und Interaktionen auf Twitter auslösten – und eben ganz augenscheinlich keine Bots seien.

Probleme in der Erkennung der Social Bots sieht auch Neumann: „Sämtliche bisher entwickelten Verfahren fielen auch bei grober Prüfung durch immense Fehlklassifizierungen auf.“ Das sieht auch Datenanalyst Hammer so. Er ist davon überzeugt, dass man nur über eine tiefe qualitative Auswertung von Accounts sicher bestimmen könne, ob ein Account ein Social Bot sei. Das werde aber nicht gemacht, da Analysten auf die automatisierte Auswertung setzen würden. Um Social Bots im großen Stil zu erkennen bräuchte es qualitative Untersuchungen, die bei einer großen Zahl an Accounts sehr aufwändig wären. Die schwierige Nachweisbarkeit führt dazu, dass eine Regulierung, die im politischen Raum immer wieder gefordert wird, sich gegen ein Phänomen richten würde, das derzeit von der Wissenschaft nicht zufriedenstellend erkannt werden kann. Weder über Quantität, Qualität noch über die Wirkung von Social Bots gibt es genügend Erkenntnisse.

Plattformen müssen eine unabhängige Auswertung ermöglichen

Hammer sieht die Plattformen erst einmal selbst in der Pflicht gegen Social Bots vorzugehen: „Twitter setzt etwa Machine Learning ein, um verdächtige Accounts zu erkennen und diesen dann eine Aufgabe zu geben.“ Die Accounts müssen dann sogenannte Captchas lösen oder ihre Telefonnummer verifizieren. Dies führe dazu, dass die „Bot-Betreiber“ dazu übergingen, selbst weniger auf Automatisierung als auf Menschen hinter den Accounts zu setzen. Ähnlich sieht das Neumann: „Sofern es für notwendig erachtet wird, Social Bots zu bekämpfen – was zunächst zur Diskussion stehen sollte – kämen kurzfristig wohl nur Sperrungen der Accounts in Frage.“ Menschen sollten stattdessen in Medienkompetenz und der Anwendung von „journalistischen Standards” geschult werden, damit sie seriöse Äußerungen von unseriösen unterscheiden können – egal ob sie von einem Bot stammen oder nicht.

Michael Kreil lehnt eine Kennzeichnungspflicht, wie sie unter anderem von CDU, SPD und Grünen gefordert wurde, ab, da Kriminelle ihre „Social Bots“ sowieso nicht kennzeichnen würden. Auch Hammer ist der Meinung, diese Maßnahme sei nicht zielführend, sondern könnte sogar Spammer mit der Kennzeichnung legitimieren. Stattdessen fordert er, dass Plattformen verpflichtet werden sollten, ihre Programmierschnittstellen stärker zu öffnen, um unabhängigen Forschern bessere Auswertungen rund um Social Bots und Manipulation zu ermöglichen. Um Datenschutzproblemen zu begegnen würden für diese Art der Auswertung auch pseudonymisierte Daten ausreichen.

Was nicht erkannt werden kann, sollte nicht reguliert werden

Das Problem bei der Bekämpfung von Social Bots oder anderen manipulativen Accounts ist, dass eine Regulierung sehr schnell Grundrechte wie die Presse- oder Meinungsfreiheit tangiert – und so die negativen Folgen der Regulierung schwerer wiegen als der derzeit (kaum) festgestellte Schaden für die Demokratien durch diese Taktiken der Desinformation. Auch Neumann vom CCC findet, dass andere Ideen wie eine „Personalausweispflicht im Internet” das Potenzial für einen immensen Flurschaden hätten. Die breite und zuweilen nervöse Debatte um Fake News und Social Bots hat Deutschland für das Thema sensibilisiert. Eine Regulierung gegen Bots scheint beim bisherigen Stand der Wissenschaft viel zu gefährlich: Sie könnte schnell auch nützliche und sozial wünschenswerte Anwendungen stören, die Meinungsfreiheit beschränken und Innovationen behindern.

Dieser Text erschien zuerst bei der Bundeszentrale für politische Bildung, er ist Teil eines Dossiers über Digitale Desinformation. Der Artikel steht unter der Creative Commons Lizenz CC-BY-NC-ND.

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Was vom Tage übrig blieb: Hyperquark, CIA-Zwiebeln und Datenschutzauflauf

netzpolitik.org - 8 Mai, 2019 - 18:00
Heute mit Archivbild, weil re:publica. CC-BY 4.0

Auf dem digitalen Fußballplatz: Drei Elfer, eine Ecke (Spiegel Online)
Was hat Axel Voss mit Fußball zu tun? Wenn er über Deutschlands liebsten Ballsport genauso ahnungslos reden würde wie über Digitales, käme er nicht damit durch, meint Sascha Lobo. Hyperquark ist dabei eine famose Wortschöpfung und meint weder kleine Teilchen noch eine Milchspeise.

CIA’s Latest Layer: An Onion Site (cia.gov)
Die Website der CIA ist jetzt auch über Tor erreichbar. Beinahe selbstironisch wirkt die Begründung: „Unsere weltweite Mission macht es notwendig, dass Personen uns von überall sicher erreichen können. Dass wir nun eine .onion-Seite haben, ist einer der vielen Wege, die wir gehen, um Leute da abzuholen, wo sie sind.“

Kelber sieht „Zeitenwende im Datenschutz“ durch die DSGVO (sueddeutsche.de)
Der seit vier Monaten amtierende Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat das erste Mal einen Tätigkeitsbericht seiner Behörde vorgestellt. Neben einer Einschätzung zur Datenschutzgrundverordnung fand er deutliche Worte für den Ausbau der Befugnisse für deutsche Sicherheitsbehörden: „Bevor weitergehende Möglichkeiten für Grundrechtseingriffe geschaffen werden, sollten die Sicherheitsbehörden besser erst einmal bereits bestehende Kompetenzen komplett ausschöpfen.“

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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Fusion-Festival: Polizeipräsident bereitet Einsatz mit 1000 Polizist:innen vor

netzpolitik.org - 8 Mai, 2019 - 09:35
Auch auf der re:publica wird über das Fusion-Festival und die Polizei diskutiert. Rechts im Bild: Martin Eulenhaupt vom Kulturkosmos e.V.

Die Positionen sind klar: Der Polizeipräsident von Neubrandenburg will eine Polizeiwache mitten auf dem Festivalgelände und eine anlasslose Bestreifung des Areals. Die Veranstalter vom Kulturkosmos e.V. lehnen das als unverhältnismäßig ab und verweisen auf 20 Jahre Festival ohne größere Probleme. Sie bieten eine Polizeiwache außerhalb des Zauns als Kompromiss an.

Gegen die Pläne der Polizei wehrt sich das Festival seit dem Wochenende mit einer Info-Seite und einer Petition, die schon knapp 90.000 Mal unterschrieben wurde. Erstmals suchen die Veranstalter auch die mediale Öffentlichkeit: ein Novum in der Geschichte der Fusion.

Der Fall löste eine bundesweite Debatte um die Freiheit der Kunst und die Befugnisse der Polizei auf Kulturveranstaltungen aus. Das Festival erhält Solidaritätsbekundungen aus den unterschiedlichsten Ecken, von grünen und linken Bundestagsabgeordneten über den lokalen FDP-Verband bis hin zu Unternehmen wie der Schweriner Messe und Veranstaltungs GmbH. Das Festival, das eines der größten alternativen Kulturevents Europas ist, gilt als besonders friedlich und hat eine liberale, aber effektive Sicherheitsstruktur.

Gestern rief nun der Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch zusammen mit dem Landrat Heiko Kärger zu einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz (Audio-Mitschnitt) ins beschauliche Neubrandenburg. Anwesend waren auch die Vertreter:innen der zuständigen Ordnungsämter.

Knackpunkt: Polizeiwache auf dem Gelände Pressekonferenz in Neubrandenburg. Rechts im Bild: Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch

Anfangs betonten die Vertreter des zuständigen Ordnungsamtes Röbel-Müritz, des Landkreises und des Polizeipräsidiums, dass ihnen die Zukunft des Festivals am Herzen liege, sie aber eine deutlich verbesserte Sicherheit erwarteten. Hierzu müsse der Veranstalter der Fusion auch eine ganze Reihe von Sicherheitsanforderungen erfüllen, die ihm das zuständige Ordnungsamt auferlegt hat. Stichtag für die Vorlage eines tragfähigen Konzeptes ist der 16. Mai. Nach diesem Termin wird in den Ämtern über die Fusion entschieden.

Hoffmann-Ritterbusch beharrte in der Pressekonferenz weiter auf einer Polizeistation mitten auf dem Gelände, ließ aber auf Nachfragen des Norddeutschen Rundfunk und von netzpolitik.org durchscheinen, dass es auch an diesem Punkt noch Verhandlungsspielraum gebe. Die Tür zur Lösung des Konfliktes ist damit nun zumindest einen Spalt offen.

Polizei organisiert Infrastruktur für mehr als 1.000 Beamte

Die Auseinandersetzung mit dem Fusion-Festival hatte sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. Nach Informationen von netzpolitik.org plant der Polizeipräsident, etwa 1000 Polizeibeamt:innen einzusetzen. Für diese Anzahl von Personen ist die Polizei im Umland des Festivals auf der Suche nach Unterkünften und Versorgungsmöglichkeiten. Auf der Pressekonferenz von netzpolitik.org darauf angesprochen, mochte Hoffmann-Ritterbusch diese Zahl nicht dementieren, machte die endgültig eingesetzte Anzahl der Beamt:innen aber vom weiteren Verlauf der Verhandlungen und der Kooperationsbereitschaft der Veranstalter abhängig. In den vergangenen Jahren setzte die Polizei nur zwischen 90 und 250 Beamt:innen pro Tag bei der Fusion ein.

Der Bürgerrechtler und Richter am Landgericht Berlin, Ulf Buermeyer, warnte auf Twitter vor dem Großeinsatz: „Meine Sorge: Wer eine solche Streitmacht zusammenzieht, der braucht geradezu die Eskalation, weil sich sonst der Einsatz von mehreren 100.000 Euro Steuergeldern kaum erklären lässt. Das lässt nichts Gutes für die Fusion ahnen – wohlgemerkt eine bisher problemlose Veranstaltung.“

Fusion auch auf der re:publica Thema

Das Thema Fusion ist unterdessen auch auf der re:publica angekommen. In ihren Vorträgen thematisierten unter anderem Markus Beckedahl und Frank Rieger den Konflikt und warnten vor den Plänen der Polizei. Im Live-Podcast der „Lage der Nation“ trat spontan Kulturkosmos-Vorsitzender Martin Eulenhaupt auf und erklärte zusammen mit CCC-Sprecher Linus Neumann die aktuelle Situation. Der Chaos Computer Club ist eine von 200 Unterstützergruppen, die zum Festival beitragen.

Am heutigen Mittwoch wenden sich die Veranstalter der Fusion mit einer Pressekonferenz im Berliner Gorki-Theater an die Öffentlichkeit. Diese soll um 14:30 Uhr live gestreamt werden.

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Was vom Tage übrig blieb: Insta-Widerspruch, Hau-den-Roboter und 300 Millionen böse Kund*innen

netzpolitik.org - 7 Mai, 2019 - 18:14
Heute mit Archivbild, weil re:publica. CC-BY 4.0

Instagram will soon let you appeal post takedowns (Engadget)
Dinge auf Instagram zu melden, die gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, war vergleichsweise einfach. Dinge, die fälschlicherweise gelöscht wurden, wieder herzustellen dagegen: keine Chance. Jetzt hat Instagram angekündigt, das ändern zu wollen – mit einem „Widerspruchs-Feature“, das „im Laufe der nächsten Monate“ eingeführt werden soll. Zunächst soll es vor allem für die Problemzone Nacktheit gelten, später potentiell auch für andere Bereiche. Interessant: Im Zusammenhang mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz war immer wieder kritisiert worden, dass Nutzer*innen solche Widerspruchsmöglichkeiten gegen vorschnell gelöschte Posts fehlten.

Refunds for 300 million phone users sought in lawsuits over location-data sales
(Ars Technica)
In den USA haben Kund*innen Sammelklagen gegen vier große Mobilfunk-Anbieter eingereicht. AT&T, Verizon, T-Mobile und Sprint hatten zuvor ihre Geolocation-Daten ohne Zustimmung an Drittanbieter verkauft – und damit weitergemacht, nachdem sie bereits öffentlich versprochen hatten, dies einzustellen. Die New York Times hatte vor einem Jahr aufgedeckt, dass verschiedene Dienstleister für die Polizei und für Privatpersonen anboten, jedes Telefon im Land zu lokalisieren – mit Hilfe von Daten, die sie von den Telcos selbst gekauft hatten.

Roboter werden geschlagen, um negative Emotionen abzubauen (Golem)
Frust? Diesen Robotern darf man gerne eine reinhauen oder sie wahlweise beschimpfen. „Technologie ist oft dafür entworfen, positive Gefühle zu unterstützen“, schreibt die Forscherin Michal Luria, die diese „Cathartic Objects“ gerade auf einer Konferenz für Mensch-Maschinen-Interaktion vorgestellt hat. Dabei sei die Frage doch interessant, wie Roboter dabei helfen können, Ärger oder Trauer zu verarbeiten.

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Allrad-LKWs, Hausmeister und Pilzsammler: Eine Liebeserklärung an Internetforen

netzpolitik.org - 7 Mai, 2019 - 09:01
Von Allrad-LKW bis Hausmeister: Foren gibt es für fast alles. CC0 Gerhard Große

Beim MAN 630 hängt die Kupplung fest. Was tun? Antriebsstrang entlasten, Kupplung treten, erster Gang rein, anlassen, Vollgas, Kupplung weiter treten, paarmal hart bremsen. Diesen Tip gibt es bei der Allrad-LKW-Gemeinschaft, einem Forum für – offensichtlich – Fans von Allrad-LKWs. Und am Ende ist die Kupplung wieder frei.

Wer wissen will, wann die nächsten Filme mit Indy im Fernsehen laufen, findet im Indiana-Jones-Fanforum eine Liste. Im Schulhausmeister-Forum diskutiert man währenddessen über die robustesten Klobrillen, bei Wortkrieger werden Kurzgeschichten vorgestellt und diskutiert. Wer auf Pilzwanderung geht, kann im 123-Pilzforum ein Foto posten und bekommt Antwort darauf, ob sich in der Ernte nicht ein giftiger Spitzgebuckelter Raukopf eingeschlichen hat.

Kurz: Für fast jedes Interesse, jede Nische findet sich ein Forum im Netz. Sie sind lebendig, Facebook und anderen sozialen Medien zum Trotz, versammeln Wissen und bilden Gemeinschaften, die über die digitale Welt hinausgehen. Viele sind unkommerziell und werbefrei, getragen vom Enthusiasmus ihrer Betreiberinnen und Mitglieder.

Die Allrad-LKW-Gemeinschaft zum Beispiel existiert schon seit 13 Jahren und hat mehr als 12.000 registrierte Mitglieder. Manche lesen nur still mit, andere haben in den vergangenen Jahren mehr als 500 Beiträge geschrieben, sagt die Betreiberin Andrea Hartenfeller. Hier helfen sich Mitglieder, wenn das Vierkreisschutzventil nicht öffnet, und tauschen Reiserouten aus – egal ob zur Schwäbischen Alb oder nach Sibirien.

Das Forum wird zum Hobby an sich

Wolfgang Bachmeier ist Pilzsachverständiger, Buchautor und hat eine App zur Pilzbestimmung mit ins Leben gerufen. Außerdem ist er einer der Betreiber des 123-Pilzforums, einer Anlaufstelle für 1,5 Millionen Nutzer im Jahr, wie er sagt. Nicht alle seien registriert, manche würden nur vorbeischauen, um sich zu informieren. Doch obwohl das Interesse groß ist, will Bachmeier kein Geld mit dem Forum verdienen: „Die Gewinne aus den Buchverkäufen und der App tragen die Serverkosten, das reicht mir.“

Auch das Indiana-Jones-Fanforum wird von Daniel Jutrosinski fast ganz aus eigener Tasche finanziert. „An zwei Stellen haben wir ein Banner eingebunden für die Serverkosten, den Rest zahle ich selbst“, sagt er. Bei den Kurzgeschichten-Schreibern von Wortkrieger läuft die Finanzierung über Spenden. „Wir brauchen ja nur einen Server, das kriegen wir zusammen“, sagt Mirko Perschke.

Alle haben eines gemeinsam: Moderation, Administration und Betreuung laufen ehrenamtlich. „Die Zeit die wir das Jahr über investieren, das ist wirklich reines Hobby. Das bezahlt uns keiner“, sagt Hartenfeller dazu.

Plattformen für Enthusiasten und Profis

Das Hobby ist es auch, was die meisten dazu gebracht hat, ihre Foren zu starten. Bei Perschke vom Wortkrieger-Forum schreibt nicht selbst Kurzgeschichten wie viele der anderen Nutzer: „Das war ein ganz egoistischer Grund: Ich lese total gern.“ Es habe in Deutschland nur einen kleinen Markt für Kurzgeschichten gegeben. „Ich wollte einfach mehr lesen und dann hab ich die Seite gegründet.“ Nun gibt es sie seit 20 Jahren.

Bei Jutrosinksi war es auch nicht nur das Interesse für Filme, Reisen und Geschichte, das zum Indiana-Jones-Forum geführt hat: „Mit 14 oder 15 habe ich das als Schüler aufgebaut, ich habe mich immer ein bisschen mit Internet und Medien auseinandergesetzt und das Forum dann eher aus dem technischen inhaltlichen Eigeninteresse aufgebaut.“

Bei manchen Forenmitgliedern wurde das geteilte Hobby irgendwann sogar zum Beruf. „Es gibt manche, die im Wortkrieger-Forum groß geworden sind. Später standen sie dann auf Spiegel-Bestseller-Listen“, erzählt Perschke.

Einer der frühen Mitglieder des Indiana-Jones-Forums ist passenderweise wirklich zum Archäologen geworden. „Jetzt macht er Beiträge für ein Doku-Format im ZDF. So ein bisschen wie der Harald Lesch der Archäologie“, sagt Jutrosinski. Ein anderer fing aus Spaß an, ein Buch im Forum zu schreiben und das im Forum zu teilen. „Am Ende hat sich ein Verlag bei ihm gemeldet und das Buch wurde gedruckt“, erzählt er weiter.

Im Schulhausmeister-Forum finden sich wohl nur wenige Hobbyisten. Peter Hepner gründete es vor 15 Jahren, er war auf der Suche nach Informationen zum Hausmeister-Beruf, doch im Internet fand er nicht viel. „Daraus die Idee entstanden, eine Plattform für uns zu schaffen“, sagt er. Wer sich im Forum umschaut, dem wird klar, wie viel es beim Hausmeisterberuf zu wissen gibt: von der Prüfung von Elektrogeräten über Normen für die Ausstattung von Sanitärräumen bis hin zu lustigen Aufklebern, die Schüler zum Händewaschen motivieren sollen, wird alles diskutiert, was im Berufsalltag anfällt.

Foren sind wie kleine Mikrokosmen mit eigener Sprache und Tradition

Als Außenstehende stößt man schnell an Grenzen und versteht nichts mehr. Was eine „DGUV V3-Prüfung“ ist? Keine Ahnung. Was ist der Unterschied zwischen dem G3/55-6/8,5- und dem GV4/65-6/9.0-Getriebe und wie unterscheide ich Panaeolus papillionaceus und Psathyrella tephrophylla? Die Experten in den Foren sprechen ihre eigene Sprache, nutzen ihre eigenen Abkürzungen und ihre eigenen Witze.

Wenn bei den Allrad-Fans jemand schreibt „Das klingt nach Mitnahmestapler“, wissen die, die schon lange dabei sind: Jemand hat wohl eine sehr merkwürdige Frage gestellt oder will unerwünschte Werbung für ein Produkt machen. Denn vor vielen Jahren, erzählt Hartenfeller, hatten sich Studenten in die Gemeinschaft verirrt. Sie suchten für eine Studienarbeit nach Informationen, wie man Mitnahmestaplern besser an LKWs befestigen könne. Und trafen statt Berufskraftfahrern, die mit den mitnehmbaren Gabelstaplern arbeiten auf Freizeitschrauber.

Es bleibt nicht beim digitalen Austausch

In allen Foren, die wir uns angeschaut haben, bleibt es nicht bei dem Austausch mit Bildschirm und Tastatur. „Die Mitglieder des Pilzforums treffen sich im ganzen deutschsprachigen Raum und zum Teil noch darüber hinaus“, sagt Bachmeier. „Da nimmt mal jemand Leute aus seiner Gegend mit weniger Erfahrung auf eine Pilzwanderung mit und schon hat sich eine neue Gruppe gebildet.“

Die Archäologie- und Indiana-Jones-Fans treffen sich einmal im Jahr für ein ganzes Wochenende: den Adventural Summit. Entsprechend ihrem Herzensthema besuchen sie archäologische Stätten, gehen zusammen essen. „Die Leute machen Städtetouren, schauen sich alte Gemäuer an und tauschen sich aus. Manche, die sich besser kennen fahren auch zusammen zum Kanufahren in Norwegen oder wandern durch die schottischen Highlands.“

Auch unter den Schulhausmeistern haben sich auf den eher kleinen Treffen Freundschaften gebildet, sagt Hepner. Und Allrad-Treffen gibt es viele, etwa beim Frühschoppen in Hamburg.

Die Foren haben keine versteckte Agenda

Foren und ihre Vorläufer gibt es schon länger als das World Wide Web. Schon im Usenet diskutierten Nutzer Anfang der 80er Jahre in Newsgroups über Astrophysik und Jugendherbergen. Wie überleben solche Foren, wo doch scheinbar alle auf Facebook oder in Whatsapp-Gruppen kommunizieren?

„Wir haben keine versteckte Agenda, wir sind kein Teil von einer Riesenplattform. Wir sind mit Herzblut dabei“, sagt Hartenfeller. Für Bachmeier ist sein Forum ein Ort, „wo es nicht ums Geld geht, sondern nur um das gemeinsame Hobby“.

Auf Facebook war er auch schon in Pilzgruppen unterwegs. Aber da gebe es zu wenig Kontrolle, sowohl was die eigenen Daten angeht als auch gegenüber bestimmten Mitgliedern, die dann irgendwo „Schwachsinn verbreiten“. Viele Leute, die merken, dass die Informationen dort einfach nicht so verlässlich sind, kämen am Ende zum Forum zurück: „Die wissen genau, dass bei uns die Daten in einer Hand bleiben und wir ein höheres Niveau als auf Facebook haben.“

Denn für ihn ist die Pilz-Community auch eine Bildungsplattform: „Wenn da jemand Quatsch reinschreibt, dann wird der gelöscht. Dafür haben wir eine handvoll Betreuer, die aufpassen, dass niemand falsche Infos verbreitet.“ Und so sind die Foren auch eine Wissensbasis, die Beiträge verschwinden nicht einfach in unübersichtlichen Timelines. Das ist auch Perschke wichtig. „Auf Facebook findet man ja oft nichtmal was, das vorgestern gepostet wurde“, sagt er. „Im Forum ist man mehr wie eine Familie, auf Facebook hoppt man eher vom einen zum anderen.“

„Aus meiner Sicht lebt das Internet von der Vielfalt, Foren sind so ein bisschen wie eine losgelöste Welt“, schließt Jutrosinski vom Indiana-Jones-Forum. Und solche Welten gibt es noch viel mehr: für Bauexperten, Chili-Züchterinnen, Grill-Nerds, Fans von Actionrollenspielen, Freunde italienischer Autos. Für Menschen, die Rat bei Suchtproblemen suchen, Fossilien-Sammlerinnen, angehende Brauer, Kaffee-Junkies. Für Zierfisch-Halter, vegane Bodybuilder, Gruftis, Mikrocontroller-Bastler. Und natürlich: für Katzen.

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Was vom Tage übrig blieb: Liebe, Porno und Darknet-Fürsten

netzpolitik.org - 6 Mai, 2019 - 18:28
Ok, wir geben es zu. Dieses Bild entstand schon um 17 Uhr.

Tausche Liebe gegen Geld (Zeit Online)
Leute machen Podcasts, weil sie Spaß daran haben. Sie erzählen zwei Stunden lang über Züge, Apfel-Computer oder Joggen, einfach so. Wirklich? Meike Laaff hat analysiert, wie sie die Podcast-Szene ändert, wenn Marktgrößen wie Audible oder Spotify anfangen, in die sympathischen Hörformate zu investieren.

Die Darknet-Fürsten aus Kleve und Bad Vilbel (Sueddeutsche.de)
Die Überschrift klingt wie eine Mischung aus Lokal-Reportage und Cyber. Ist es zwar nicht ganz, aber trotzdem interessant. Das BKA hat wohl gerade nochmal verhindert, dass sich zwei Betreiber eines Darknet-Handelsplatzes mit dem Geld ihrer Kunden aus dem Staub machen. Ob sie aber ein besseres Gefühl haben, wenn sie Polizeibesuch fürchten müssen? Eher unwahrscheinlich.

Pornhub Is „Extremely Interested“ In Acquiring Tumblr (Buzzfeed)
Erst machen sie Tumblr kaputt und dann wollen sie es loswerden: Verizon möchte die Blogging-Plattform verkaufen. Als sexuell explizite Inhalte verboten wurden, haben sich viele von der Plattform abgewandt. Jetzt überlegt offenbar Pornhub, Tumblr zu kaufen. Probleme mit nackter Haut dürfte es dann vermutlich nicht mehr geben.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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Alltägliche Wahrheiten: Goodbye Twitter!

Blogs - 28 August, 2018 - 20:42

Soeben habe ich meinen Twitteraccount deaktiviert. Gerne hätte ich ihn komplett „gekillt“. Das ist erst nach weiteren 30 Tagen möglich.

Screenshot meines Twitterprofils

 

 

 

 

 

Weil man acht digitale Jahre nicht so einfach auf den persönlichen Müllhaufen werfen kann, hatte ich mich jetzt zwei Wochen lang damit schwergetan. Das persönliche Faß zum Überlaufen gebracht hat die Twitterblockade der Tweets von Digitalcourage e.V. zum Aktionstag #SaveYourInternet am letzten Wochenende.

Auch ohne meinen Account bei mastodon hätte ich das jetzt gemacht. Dort erreicht man mich jetzt unter Oreo_Pirat@mastodon.social in einer vom Umgangston her wesentlich entspannteren und freundlicheren Atmosphäre.

Ich will und kann niemandem Vorschriften machen, ob und wie er/sie Twitter weiter nutzt. Meine Weggefährten aus den letzten Jahren habe ich charakterlich und politisch so in Erinnerung, dass auch sie bald das Richtige mit ihrem Twitteraccount machen werden.

 

 

 

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Bewild-Online.de - Mein Stift, mein Zettel, mein Blog!: Deutschland im Jahr 2018

Blogs - 28 August, 2018 - 14:04

Ein Mensch ist ermordet worden. Das wäre der Zeitpunkt, am Ort des Geschehens eine Kerze zu entzünden, Hinterbliebene zu unterstützen, dem Opfer zu gedenken. Die Strafverfolgung, die Verurteilung und die Vollstreckung des Urteils ist und bleibt in Deutschland Angelegenheit der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Gerichte.

Statt dessen macht sich ein Mob auf den Weg in die Innenstadt um allen zu zeigen „wer in der Stadt das Sagen hat“. Mit dabei: polizeibekannte gewaltbereite Hooligans. Ein MdB der AFD ruft auf Twitter zur Selbstjustiz als Bürgerpflicht auf, Augenzeugen berichten von Gruppen die durch die Stadt laufen und zum „Kanakenklatschen“ aufrufen. Jagdszenen. 26 Jahre nach den Anschlägen von Rostock-Lichtenhagen, fast auf den Tag genau.

Mit dem Mord an einem 35jährigen hat das alles zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr zu tun. Ich verwette meinen Hintern darauf, dass beträchtliche Teile der fast 1000 „besorgten Bürger“ die in Chemnitz aufmarschierten, erst im Nachhinein überhaupt von dem Mordfall erfahren haben. Das war den meisten wohl auch völlig egal.

Wir sprechen nicht von einer legitimen Demonstration die einen Mangel an öffentlicher Sicherheit anprangert. Wir sprechen hier von einem wütenden Mob, der nur auf den richtigen Moment wartete, um endlich zu starten.

Wir sprechen hier nicht mehr von „besorgten Bürgern“, „Islamkritikern“, „Fußball-Ultras“ oder „Verlierern des Systems“. Wir sprechen von Leuten wie Frau Faschner [1], die ihre Abneigung gegen Ausländer mit „Weil man ja gegen irgendwen sein muss, und mit denen ist es einfach“ begründet. Wir sprechen von Menschen die „Ausländer raus“, „Deutschland den Deutschen“ und „Schlagt den Roten die Schädeldecke ein“ brüllen [2] und/oder in aller Öffentlichkeit und bestimmt nicht in satirischem oder künstlerischem Kontext den Hitlergruß zeigen [3].

Wir sprechen von Rechtsradikalen und Nazis!

Niemand der am Sonntag oder gestern dort mitgelaufen ist, Verständnis oder gar Sympathie für die Handlungen zeigt, kann es sich mehr verbitten als Nazi bezeichnet zu werden.

Es ist an der Zeit, das Kind endlich beim Namen zu nennen. Es ist an der Zeit einzusehen, dass es nichts mit Verunglimpfung der Personen oder einer Verharmlosung dunkler Teile unserer Geschichte zu tun hat, wenn man diesen Begriff benutzt.

Wir leben in Zeiten, in denen ein Videospiel zensiert wird, bzw. für den deutschen Markt bis zur erzählerischen Sinnentleerung umprogrammiert werden muss, weil der Protagonist gegen Nazis kämpft und zur Kulissendarstellung Hakenkreuze im Spiel auftauchen [4]. Gleichzeitig marschieren Rechte auf und zeigen öffentlich und in eindeutigem Kontext den Hitlergruß und die Polizei schaut zu. Währenddessen brechen Journalisten in einer deutschen Stadt ihre Arbeit ab, weil die Sicherheitslage es nicht mehr zulässt [5]. Deutschland im Jahr 2018.

Am Rande bemerkt: Die Polizei überlässt quasi ganze Straßenzüge Rechtsradikalen, weil sie personell nicht in der Lage ist, die Situation zu handlen [1]. Ob allgemeiner Personalnotstand oder eine katastrophale Fehleinschätzung der Lage im Vorfeld dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eindeutig ist jedoch, dass eine Ausweitung der Polizeigesetze, wie sie in nahezu jedem Bundesland derzeit angestrebt oder umgesetzt wird, nicht die Problemlösung sind, als die sie uns verkauft werden sollen.

UPDATE (15:40 Uhr): Ein Freund des Opfers erklärt auf Facebook [6]:

[…] Diese Rechten die das als Plattform nutzen, mit denen mussten wir uns früher Prügeln, weil sie uns nicht als genug deutsch angesehen haben. Jeder der Daniel Hillig gekannt hat, weiß das dies unmöglich sein Wille gewesen wäre. Lasst euch nicht Benutzen, sondern trauert… […]

 

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/chemnitz-wie-die-polizei-eine-stadt-den-rechten-ueberliess-a-1225238-amp.html

[2] https://twitter.com/Chronik_ge_Re/status/1034181409416638471

[3] https://twitter.com/cschellhorn/status/1034126675280310275 , https://twitter.com/LennartPfahler/status/1034166867504627712

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfenstein_II:_The_New_Colossus#%C3%84nderungen_der_deutschen_Version

[5] https://twitter.com/Lieber_Bunt/status/1034172536878247936

[6]: https://www.facebook.com/daniel.winderlich.5/posts/2131211603609523?__xts__[0]=68.ARBjY8SpiHg6OSBZYJ0VZHAN9sWn_9XZcRUXY0LIvLt9itAPfebpoadytVAZYrlW2vEtgZO8JPjB6yNRj2TSWXXdvsld_ppIpzz5NVq8WgdgrMFaH1YuFJpHUN2nX_VqWO7lPOE&__tn__=-R

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Pirat Aleks A.: Interessante Links und Nachrichten 20.08.2018ff

Blogs - 24 August, 2018 - 19:50
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