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Ein Kommentar von Norbert Rücker,
Fraktion Freie Wähler - Piraten
im Kreistag Darmstadt-Dieburg und
Mitglied im Haupt- und Finanzausschuss |
Am 13.02.2012 fand im Kreistag die Debatte um den Doppelhaushalt 2012/2013 statt. In meiner Rede (
hier nachzulesen) mahnte ich neben meiner eigentlichen Kritik am defizitären Doppelhaushalt und an den schweren formellen Fehlern des Haushaltssicherungskonzept auch mehr Beteiligung des Bürgers bei der Priorisierung von Sparzielen an.
Wo kann der Landkreis sparen? Der Großteil der Ausgaben ist ihm von Land und Bund vorgegeben. Diese Ausgaben muss er tätigen, egal ob er will oder nicht. Nur bei einem relativ kleinen Bereich - den sogenannten freiwilligen Leistungen - hat eine Kommune Entscheidungsfreiheit. Es ist daher auch der einzige Bereich wo Einsparungen vorgenommen werden können.
Ein Beispiel für so eine freiwillige Leistung kommt aus dem Bereich der Sportförderung. Es ist im Landkreis nämlich so, dass bestimmten Vereinen die Schul-Sporthallen unentgeltlich überlassen werden. Nun ist unentgeltlich nicht kostenfrei. Die dafür entstehenden Kosten werden vom Haushalt der Landkreises getragen, der sich wiederum aus Geldern des Bürgers finanziert.
Wie gesagt, das muss nicht so sein. Es ist eine freiwillige Leistung und es wurde irgendwann einmal entschieden, dass man diese Leistung erbringen will und es gibt auch gute Gründe, dies so zu tun.
Derzeit findet in unregelmäßigen Abständen ein "Runder Tisch Haushaltskonsoldierung" statt, bei dem Teilnehmer von Verwaltung, der Landrat und Vertreter der einzelnen Fraktionen dabei sind. Ziel dieses Runden Tisches ist es, unter den freiwilligen Leistungen diejenigen zu identifizieren, bei denen man sparen könnte. Dieser Runde Tisch ist (aus Piratenperspektive: leider) nicht öffentlich.
In meiner Haushaltsrede machte ich nun den Vorschlag, dass man doch bitte auch den Willen des Bürgers stärker bei der Identifizierung von Sparzielen mit einbeziehen solle, anstatt dies ausschließlich dem eher klandestin tagenden "Runden Tisch Haushaltskonsolidierung" zu überlassen. Schließlich ist es auch das Geld des Bürgers dass man da ausgibt.
Um die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung anschaulicher zu machen, griff ich auf das oben genannte Beispiel der Sportförderung zurück. Dieses Beispiel ist für jedermann ohne große Vorkenntnisse nachvollziehbar.
Man kann daran deutlich machen, wie es möglich ist bei einzelnen Bereichen eine klare Frage zu stellen, bei deren Beantwortung auch der Bürger mit einbezogen werden kann.
Im Falle der Hallennutzung würde diese lauten: "Die Nutzung einer Halle kostet Geld. Soll diese Kosten wie bisher die Allgemeinheit tragen oder will man zukünftig diejenigen, die die Halle benutzen, mit den Kosten belasten und den kommunalen Haushalt um genau diesen Betrag entlasten?"
Es wäre nun den Bürgern überlassen, mehrheitlich zu entscheiden, welches Finanzierungsmodell sie für die Sportförderung zukünftig präferieren wollen. Gleichzeitig würden sie aber mit ihrer Entscheidung auch ein Stück weit in die Verantwortung für die Finanzen des Kreises genommen. Wer sich für eine Finanzierung durch die Allgemeinheit ausspricht, darf sich nachher auch nicht über die steigenden Ausgaben beschweren, wer sich dagegen ausspricht, wird sich vielleicht mit steigenden Mitgliedsbeiträgen der Sportvereine konfrontiert werden. Wie auch immer: Es war seine Entscheidung und pauschale Politikerschelte im Stil von "Die da oben machen ja eh, was sie wollen!" geht dann nicht mehr.
Zu meiner Überraschung sorgte mein Vorschlag bei der regierenden SPD für Entrüstung. So kommentierte die Abgeordnete Catrin Geier per Twitter empört: "
Hammer!" und auch den Ober-Ramstädter Bürgermeister und SPD-Abgeordnete Werner Schuchmann trieb es daraufhin ans Rednerpult. Mit den Worten "Wir haben mal eine Veranstaltung gemacht, wo nur 50 Leute gekommen sind. Die Leute interessieren sich für solche Themen nicht." wies er mein Ansinnen im Namen der SPD-Fraktion von sich.
Zum einen blendet dieser Satz auf bemerkenswerte Weise aus, dass es mit dem Internet eine hervorragende Plattform gibt, auch an einer Diskussion teilzunehmen, wenn man aufgrund diverser Gründe an einer Teilnahme vor Ort verhindert ist, sei es nun aus Krankheit, Behinderung, familiären oder beruflichen Verpflichtungen. Nicht jeder hat die Zeit und die Möglichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort an einer Veranstaltung teilzunehmen. Das muss nicht zwangsläufig daran liegen, dass einen das Thema nicht interessiert. Sie, werter Leser, lesen diesen Text ja auch zu einer Zeit, die ihnen gerade am besten passt.
Zum anderen überrascht mich doch auch die Emotionalität die bei diesen Reaktionen mitschwingt. Fast scheint es so, als hätte man Angst davor, dass der Bürger sich in dem einen oder anderem Falle anders entscheiden könnte, als man es selbst für gut hält. So twitterte mich ein weiterer SPD-Abgeordneter, Matti Merker, an: "
für mich [ist] die kostenfreie Nutzung der Hallen durch Vereine kein Luxus sondern eine Notwendigkeit." Dies ist aus seiner Perspektive als
angehender Sportlehrer sicher nachvollziebar. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder Bürger des Landkreises auch diese Perspektive hat.
Hier offenbart sich ein unterschiedliches Politikverständnis. Bin ich als Politiker quasi mit einem Blankoscheck ausgestattet worden, der mich dazu ermächtigt alles umzusetzen, was ich für richtig halte? Oder ist es vielmehr meine Aufgabe, nicht nur während der Wahlen, sondern auch in der Zeit dazwischen nach dem Willen des Wählers zu forschen und mir Gedanken zu machen, wie ich ihn am besten umsetzen kann?
Es ist mir natürlich bewusst, dass nicht jedes Thema so leicht nachvollziehbar ist wie mein Beispiel der Hallennutzung. Viele Themen sind komplexer und bedürfen weiterer Erläuterungen. So kann man einen 700 Seiten starken Haushaltsplan nicht einfach jemand vor die Füße werfen und sagen: Jetzt mach mal! Auch gibt es rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien, die gewahrt werden müssen, wie zum Beispiel den Minderheitenschutz.
Bürgerbeteiligung ist keine Sache, die sich von heute auf morgen realisieren lässt. Sie ist eher ein langer Weg, auf den man sich trauen muss. Sie ist vor allem ein Weg weg vom Nanny-Staat, der sich heute in weiten Teilen abzeichnet und die den Bürger nicht als mündiges Wesen sondern nur als unreifes, zu erziehendes Kind begreift und ihn so immer mehr von der Politik entfremdet.
Kommentare
Hallo, eine neue Partei
Hallo,
eine neue Partei mit engargiertem Menschen finde ich gut.
Ihr seid auch in Bickenbach, bin gerade auf Eurer Seite.
Und das was der Uwe da schreibt stimmt auch schon irgendwie.
OK, Kommentar senden???
Hallo Norbert, ich kann nicht
Hallo Norbert,
ich kann nicht anders als die Pflichten meines gewählten Repräsentanten (schließlich sollte ein Abgeordneter seine Bürger in ihrem Willen vertreten, sonst hätten sie ihn sicher nicht gewählt) so zu definieren wie du es angedacht hast.
Er muß aber alle Bürger seines Wahlkreises vertreten, was ihn in ein Dilemma stürzt.
Erstens haben ihn nicht alle gewählt und zweitens hat jeder Bürger andere Vorstellungen, wenn es um ein konkretes Thema geht; egal wen er gewählt hat.
Deshalb halte ich es für unverzichtbar, daß ein gewählter Vertreter permanent den Willen seines Wahlkreises erforscht, um genau diesem Anspruch gerecht zu werden. Das ist nicht einfach!
Hierzu müssen die Voraussetzungen und technischen Mittel geschaffen werden; man kann sicher nicht Klinken putzen gehen. Aber dies sollte heute mit den vorhandenen Kommunikationsmitteln jederzeit möglich sein.
Eine card blanche für Politiker ist ein Anachronismus.
Hier treffen die Piraten mit ihrem (Basis)Demokratieverständnis und dem Einsatz moderner Kommunikationsmittel genau den wunden Punkt der "etablierten Parteien".
Hallo Carsten, offizielle
Hallo Carsten,
offizielle Statements der anderen Parteien sind mir nicht bekannt, aber mir ist zumindest von einzelnen Mitgliedern signalisiert worden, dass sie sich auch mehr Bürgerbeteiligung wünschen würden.
An dieser Stelle möchte ich auch eine Lanze für die Verwaltung der Landkreises im Allgemeinen und die Kämmerei im Besonderen brechen: Im Vergleich zu anderen Kommunen ist der Haushaltsplan des Landkreises schon recht übersichtlich und verständlich gestaltet. Dennoch ist es noch ein weiter Weg zu einer einfach zugänglichen Darstellung.
Wir als Piraten sind allerdings schon dran an dem Thema und laden natürlich auch alle anderen Interessierten Bürger und Parteien ein, mit uns zusammen zu arbeiten. Das geht aber leider nicht alles von Jetzt auf Gleich. Nicht vergessen: Wir machen das immer noch alles ehrenamtlich neben unseren regulären Jobs in unserer Freizeit.
Hallo Tom, vielen Dank für
Hallo Tom, vielen Dank für Deine Gedanken.
Du wirfst in der Tat einen interessanten Gedanken auf: Bin ich als gewählter Vertreter dafür da, möglichst viel für meine Klientel rauszuhauen oder sollte ich nicht vielmehr auf die Interessen aller Bürger achten? Die FDP z.B. versteht sich ja v.a. im ersteren Sinne und wird dafür vom Wähler abgestraft.
Auch hierzu habe ich ein Beispiel aus dem aktuellen Haushalt: Die Jugendorganisationen von z.B. SPD, CDU und FDP werden aus Steuermitteln im Rahmen der Jugendförderung gesponsert. Soll ich mich nun dafür aussprechen, dass die Jugendorganisationen meiner Fraktion auch vom Geldregen profitieren (= Klientelpolitik) oder soll ich mich gegen diese Ausgaben wenden (=Einsparung zum Wohl aller Bürger)? In meiner Fraktion ist Konsens, dass wir für letzteres sind.
Hallo Norbert, guter
Hallo Norbert,
guter Artikel, gute Anregung und erstaunliche Reaktion von Seiten der SPD. Wie haben die anderen Parteien reagiert?
Grundsätzlich: Natürlich gibt es viele Dinge und Gefahren, die dabei zu bedenken sind und ich frage mich auch, ob wir (als Bürger) uns wirklich mit so vielen Details beschäftigen müssen oder ob hier eine Delegation an gewählte Vertreter (die Zeit und Interesse dafür mitbringen) nicht eine ausreichend gute Lösung ist.
Insbesondere ist so ein Haushalt immer auch ein Gesamtwerk (im Sinne von : Mehr als die Summe seiner Teile) und daher sind Einzelposten manchmal nur schwer heraus gelöst abstimmbar - zumindest wenn / falls ein Gesamtkonzept dahinter steht.
Aber man sollte genau das diskutieren (dürfen) und nicht beharren auf "dat hammer immer so jemacht" .
Vielleicht als ein erster Schritt:
Um aber beurteilen zu können, welche Lösung gut ist, braucht es zumindest eine öffentlich einfach zugängliche (Detail-)Darstellung des Haushaltes (aus dem die getroffenen inhaltlichen Entscheidungen ersichtlich sind).
Dazu gehören auch Subventionen durch Verzicht auf Einnahmen (natürlich unbeziffert). Das gilt natürlich auch für vergünstigte Verkäufe von Grundstücken ect.
Und die Parteien sollten dokumentieren können/müssen, warum sie den Posten für richtig (oder falsch) halten.
Hallo Norbert. Ich kam über
Hallo Norbert. Ich kam über https://plus.google.com/108820360092613372319 (Sven Scholz) herüber.
Und machte mir einige Gedanken:
Hier offenbart sich ein unterschiedliches Politikverständnis.
Als Bürger repräsentierst Du mich als eine von X Stimmen in einem gewählten Gremium, welches für mich die Entscheidung trifft. Und zwar: mit dem Stimmgewicht von Ein X-tel. Diese Stimmgewicht entspricht meinem (idellen) Engagement für eine Sache in einem Gremium. (In der Realität wähle ich eine Partei mit den entsprechenden Anteilen an Sitzen) Wenn Du - wie Du nachfolgend schreibst - die Entscheidung an den Bürger zurückgibst, ist dessen Stimme an der Entscheidung weitaus geringer, als wenn er seine Stimme mit den Stimmen anderer gemeinsam durch Dich vertreten sieht.
Bin ich als Politiker quasi mit einem Blankoscheck ausgestattet worden, der mich dazu ermächtigt alles umzusetzen, was ich für richtig halte?
Jeeeiin. Knapp daneben. Du bist mit einem Blankoscheck dafür ausgestattet worden, alles umzusetzen, von dem Du ehrlich überzeugt bist, dass es Deine Wähler auch umsetzen wollen.
Oder ist es vielmehr meine Aufgabe, nicht nur während der Wahlen, sondern auch in der Zeit dazwischen nach dem Willen des Wählers zu forschen und mir Gedanken zu machen, wie ich ihn am besten umsetzen kann?
Und hast Die Antwort vor Augen und siehst sie nicht.
In Deinem Fall könnte das Problem aber woanders liegen.
Als neugegründete Partei haben die Piraten noch nicht soviel, von dem sie als Partei gemeinsam ehrlich überzeugt sind. Aber sie haben einen grundlegenden Ansatz, der es ihnen erlaubt, mit offenem Visier zu kämpfen. Transparenz.
Und die Verhältnismäßigkeit ist zumindestens in der bisherigen Politik nicht gewahrt. Volksentscheidungen sind im etablierten System die Ausnahme, die eingreift, wenn die gewählten Parteien in einem Konflikt mit den Wählern stehen. Hier werdem besondere Entscheidungen von der Gesamtheit der Bürger getroffen. Die Entscheidung, um die es hier geht, ist eher das Tagesgeschäft in der Kommunalpolitik.
Ich denke: Entweder läßt man die Bürger darüber abstimmen, ob sportliche Angebote von Bürgern von allen Bürgern getragen wird oder nur von denen, die sie nutzen (Grundsatzentscheidung). Oder ich lasse die Stadträte ihre Arbeit machen und Gebühren für die Nutzung erheben; oder auch nicht. Aber und jetzt kommt's: so der Stadtrat ehrlich überzeugt ist, den Willen seiner Wähler umzusetzen - aber: ohne Grundsatzentscheidung im eigenen Auftrag.
Der Fehler könnte auch darin liegen, die weitergehende grundsätzliche Entscheidung anhand eines Einzelfalls zu statuieren.
So, hoffe, das erklärt vielleicht einiges.
Gruß
Tom, der Säzzer
Das finde ich mal 'nen
Das finde ich mal 'nen richtig guten Beitrag zu dem Thema.
Eine Utopie war schon oft die Ursache für Veränderung (und so utopisch ist das ja nun wirklich nicht).
Die anderen Parteien sollten aufpassen, dass Sie den Anschluss nicht verpassen und umdenken (da meine ich nicht alleine das I-Net,)
Das Argument um etwas nicht zu tun das man nicht will(!!!)
Zitat: “Wir haben mal eine Veranstaltung gemacht, wo nur 50 Leute gekommen sind. Die Leute interessieren sich für solche Themen nicht.” wurde in den Ortsvereinen und höheren Hierarchien schon in den 70er Jahren benutzt. Es ist auch heute noch nicht origineller geschweige denn richtiger geworden!